Für die Retro-Testfahrt begeben wir uns ins gut gefüllte AUTO ZEITUNG-Archiv: Hier finden wir Fahrberichte faszinierender Autos. Dieses Mal: Der Mercedes SLS AMG Roadster von 2011.
Es war keine gute Idee, die Jungs von AMG noch vor der Testfahrt zu fragen, ob der neue Mercedes SLS AMG Roadster (2011) den SL 65 AMG womöglich ersetzt. Süffisantes Lächeln als Antwort, dazu der wohlwollende Ratschlag: "Fahr erstmal 'ne Runde. Dann sprechen wir uns wieder." Na dann … Reinsetzen, Gurt anlegen, Bremse treten, Startknopf drücken. Der Anlasser räuspert sich, pustet ins Mikro und weckt das Tier. Der V8 faucht schon beim Start wie der König der Löwen, wenn er im Mittagsschlaf gestört wird. Zieh den kurzen Wählhebel auf Stufe D, lös die Bremse, und die Bestie schlurft knurrend vom Hof. Im Stadtverkehr benimmt er sich wie eine Raubkatze im Käfig, schleicht grollend von einer Ampel zur nächsten, wartet auf die Fütterung, umringt von Schaulustigen in der Rolle von Zoobesuchenden, die ihn anstarren mit einer Mischung aus Bewunderung, Spannung und, ja, auch ein wenig Furcht.
Als wüssten sie, was am Ortsausgang passiert: Fuß aufs Gas, und der SLS springt vorwärts wie ein Löwe, der nach 14 Tagen Fastenzeit eine kranke Antilope wittert. Der 6,2 l große V8 schleudert den Zweisitzer ansatzlos nach vorn und brüllt schon bei mittleren Drehzahlen so markerschütternd, dass du hochschaltest – lange bevor der Begrenzer erreicht wird. Eine raffiniert choreographierte Zylinderabschaltung sorgt dafür, dass selbst das Vom-Gas-Gehen Spaß macht. Der SLS rotzt und patscht dann fast wie ein von Fehlzündungen geplagter Rennmotor aus den 50ern. Auch interessant: Unsere Produkttipps auf Amazon
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Retro-Testfahrt: Mercedes SLS AMG mit hohem Unterhaltungswert
Kurven steigern noch den Unterhaltungswert. Trotz idealer Gewichtsverteilung von 47 zu 53 will der Mercedes SLS AMG Roadster hineingezwungen werden, doch das gelingt dank einer ausreichend direkten und mit einer guten Portion Servounterstützung versehenen Lenkung mit Bravour. Der SLS liegt wie ein Brett, ist aber nicht bretthart gefedert. Die neue adaptive Dämpfung kann auch einstecken. Nur in der Sportstufe zwei teilt sie kräftig aus. Dann stoßen wir auf etwas, das die Streckenplanenden sicher als Zwischenziel einprogrammiert haben: einen Tunnel! Wir spielen "Ohrensausen in drei Zügen". Erstens: reinfahren, runterschalten und Vollgas geben. Zweitens: Drehzahl und Tempo prustend fallen lassen, durchatmen. Drittens: Leerlauf einlegen und pulsierend Vollgas geben bis zum Begrenzer. Anschließend mit vibrierenden Gehörgängen aus dem Tunnel rollen und nicht vergessen, auf die Gesichter entgegenkommender Kleinwagenfahrenden zu achten.
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Damit sind wir beim Unterschied zur Coupé-Version. Es ist nicht die Abwesenheit der Flügeltüren, sondern die des Dachs. Im Roadster kommt das volle Klanggewitter ungefiltert zu Gehör. Der Fahrtwind ist Zugabe – er wirbelt sehr zivil, fast ein bisschen zu brav. Doch wie lange die Baseballkappe auf dem Kopf hält, ist nur eine Frage des Tempos: Der Mercedes SLS AMG Roadster läuft 317 km/h, auch offen. Der als Extra lieferbare Warmluftschal namens "Airscarf" nützt dann auch nichts mehr. Wenn die Frisur ruiniert ist, darfst du das Stoffdach schließen, zur Not innerhalb von elf Sekunden bei bis zu 50 km/h. So muss heute ein Roadster fahren, so muss er klingen, nicht anders. Die Frage nach dem SL 65 AMG hat sich erledigt.
Technische Daten des Mercedes SLS AMG Roadster
AUTO ZEITUNG 2011 | Mercedes SLS AMG Roadster |
Technische Daten | |
Motor | V8-Zylinder, 4-Ventiler; 6208 cm³ |
Antrieb | 7-Gang-Doppelkupplung; Hinterrad |
Leistung | 420 kW/571 PS |
Max. Drehmoment | 650 Nm |
Karosserie | |
Außenmaße (L/B/H) | 4638/1939/1261 mm |
Leergewicht | 1585 kg |
Kofferraumvolumen | 173 l |
Fahrleistungen | |
Beschleunigung (0-100 km/h) | 3,8 s |
Höchstgeschwindigkeit | 317 km/h |
Verbrauch auf 100 km | 13.2 l S |
Kaufinformationen | |
Grundpreis | 195.160 € |
Marktstart | 2011 |
Alle Daten Werksangaben |