VW Cal-Look-Käfer: Die Wiedergeburt der 80er-Jahre-Tuning-Ikone
Er gilt als eine der wichtigsten Käfer-Stilrichtungen: der California-Look. Gary Madrids VW war zu Boomzeiten mittendrin. Und erlebt heute, gut 40 Jahre später, seinen zweiten Frühling.
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So entstand die Stilrichtung des Cal-Look-Käfers
Man sieht sich immer zweimal – Cal-Look-Fans dürften sich beim Anblick von Gary Madrids 71er-Käfer verblüfft die Augen reiben. Und richtig: Der blaue US-VW war in den prägenden Achtziger-Jahren eine Größe – auch international. Geriet er doch zum Thema der Berichterstattungen, etwa des amerikanischen Szenesprachrohrs „Dune Buggies & Hot VWs“ so wie des „Rod et Custom Magazine“ aus Frankreich. Auch hierzulande gab es glühende Fans, die sich im Vor-Internetzeitalter an den Internationale-Presse-Regalen der Zugstation-Buchhandlungen mit Informationen eindeckten.
Sie verstehen nur Bahnhof? Tauchen Sie mit uns ein in die Geschichte des California-Looks, einer der bedeutsamsten und ältesten Stilrichtungen in der weltweiten Käfer-Szene. Mit seinem leistungsschwachen Drosselmotor weckte der Käfer bei seinen Besitzer:innen schon früh den Wunsch nach mehr Leistung. Frisier-Pionier Gerhard Oettinger etwa konnte mit seiner Firma Okrasa schon ab 1951 für Linderung sorgen.
Die hessischen Zweivergaseranlagen und Umbaukits sorgten gerade bei der US-Kundschaft, für die das Leistungsdefizit im Vergleich zu heimischen Autos besonders drastisch ausfiel, für reißenden Absatz. Bald fanden sich weitere „Friseure“, die neben Komplettmotoren auch stetig neue Teile zum Schnellermachen anboten: Theo Decker aus Essen (TDE) etwa oder Gene Berg aus Kalifornien – um nur einige unter vielen zu nennen. Grundlagen und Fachwissen zum Frisieren des Boxermotors verbreiteten Bücher und Fachzeitschriften.
Logisch, dass neben mehr Souveränität im Alltag vermehrt auch sportliche Ambitionen zur Triebfeder vieler Umbauten wurden. In Amerika kommt an dieser Stelle die Hot Rod-Szene ins Spiel. Nach dem zweiten Weltkrieg suchten etliche GIs den Adrenalinkick in illegalen Straßenrennen mit aufgemotzten Vorkriegsautos samt dickem Motor und abgespeckter Karosserie, sogenannten Hot Rods. Die Distanz betrug exakt 402 m oder eine Quartermile – eine Wohnblocklänge von Ampel zu Ampel.
Der VW ID. Polo GTI im Video

Mit nur 17 Jahren schuf Gary Madrid seinen Krawall-Käfer
Im Lauf der Fünfzigerjahre entwickelte sich daraus eine virale Szene, die sich immer weiter professionalisierte und damit stetig tiefere Löcher ins Portemonnaie schnitt. Gerade durch seinen günstigen Gebrauchtwagen-Preis entdeckte die Szene daher Anfang der Sechzigerjahre den Käfer für sich. Für Quartermile-Rennen wurde überflüssiges Gewicht wie Stoßstangen oder die Sitzbank entfernt. Zudem bekam ein Race-Käfer zugunsten bester Traktion beim Start eine Nose Down-Optik verpasst – mit fetten Pneus hinten und kleinen Rädern nebst Tieferlegung vorn. Während der Flower-Power-Bewegung wandelte sich die Rolle des Käfers auch auf gesellschaftlicher Ebene. Er war ein Statement und galt als angesagt.
In dieser Gemengelage gründeten Käfer-Fans im kalifornischen Bezirk Orange County 1965 den ersten California Look-Club „Der Kleiner Panzers“ (DKP) – zehn Jahre bevor die Stilrichtung ihren Namen erhielt. Das geschah 1975 mit der Februar-Ausgabe der „Hot VWs“ anhand einer genauen Definition. Neben Nose Down standen hier etwa auch das Entfernen des Chromzierrats sowie eine knallige, einfarbige Lackierung auf der Liste.

Zusätzliche Popularität erhielt die Szene durch die aufkommende Treffen-Kultur. Als Urknall fungierte dabei 1968 das erste „Bug-In“ auf dem Orange County International Raceway (OCIR), eine Veranstaltung, die in Folge zweimal im Jahr ausgetragen werden sollte. Gary Madrid erlebte die Entstehung der Cal-Look-Szene hautnah mit, ist er doch in Orange County aufgewachsen. Daher war es nur logisch, dass er für die Fahrt zur Highschool einen umgebauten Käfer mit Alufelgen und leicht frisiertem Motor nutzte – der 1981 Opfer eines Unfalls wurde.
Von der Entschädigung kaufte er sich einen 71er-Käfer – ohne Hauben, Kotflügel, Motor sowie Getriebe und stellte ihn mit der Unterstützung seiner Kumpels fertig. Die entchromte Karosserie wurde dabei blau lackiert, die Heckklappe gecleant und mit Lüftungsschlitzen versehen, zudem ein einteiliges Fensterkit montiert. Schon im Folgejahr konnte Gary den Cal-Looker auf dem Bug-In ausstellen und damit einen Bericht in der Hot VWs erzielen – er war damals gerade 17 Jahre alt.
Auf dem Dragstrip war der Cal-Look-Käfer schneller als ein 911 Turbo
Zum Frühjahrs-Bug-In des Jahres ’83 war der Cal-Looker weiter gereift mit Flankendekor, Fuchsfelgen und einem richtig großen Motor: 2,2 l Hubraum, zwei 48-IDA-Doppelvergaser von Weber und mindestens 180 PS (132 kW). Damit holte er auf der Quartermile den Podiumsplatz in seiner Klasse. Bei einem anderen Rennen des Jahres brannte er die sensationelle Zeit von 12,38 s in den Asphalt. Zum Vergleich: Ein Porsche 930 3.3 Turbo mit 300 PS (221 kW) dieses Jahres benötigte etwa 12,7 s für die Distanz.
Doch dann wurde der OCIR, die Keimzelle der kalifornischen Dragrace-Szene, 1983 geschlossen. Die Fans mussten ab sofort für ähnliche Veranstaltungen weite Strecken zurücklegen, was Gary irgendwann leid war. Außerdem hatten sich die Prioritäten in seinem Leben geändert. Daher nahm er den Käfer 1985 aus dem Verkehr und bockte ihn in der Garage auf – für mehr als drei Jahrzehnte.
Doch 2017 weckte er seinen Cal-Looker aus dem Dornröschen-Schlaf. Neben Entstauben und Polieren stand die Überarbeitung von Vorderachse und Bremse an. Zudem wurde die Verdichtung des Motors von 11,5 auf 10,0 zu 1 reduziert, um nicht ständig Renn-Kraftstoff tanken zu müssen. Seitdem macht Gary an Wochenenden genau das, was er als junger Mann schon tat: mit dem Käfer auf VW-Treffen fahren und Benzingespräche führen.






















