Prototyp mit Dampf: Wir fahren den V12-Löwen Peugeot 907
Bei Autoherstellern gilt das Controlling als der heimliche Herrscher. Der Peugeot 907 zeigt, was passiert, wenn Design- und Ingenieurs-Abteilungen ihrer Kreativität freien Lauf lassen dürfen. Wir sind die V12-Studie von 2004 gefahren!
Die genannten Produkte wurden von unserer Redaktion persönlich und unabhängig ausgewählt. Beim Kauf in einem der verlinkten Shops (Affiliate Link bzw. mit Symbol) erhalten wir eine geringfügige Provision, die redaktionelle Selektion und Beschreibung der Produkte wird dadurch nicht beeinflusst.
Peugeot 907 im Fahrbericht: Anfahren will gelernt sein
Jean-Christophe Bolle Reddat, der Verantwortliche für Concept Cars bei Peugeot, mahnt vom Beifahrersitz aus zur Vorsicht im Umgang mit der Dreischeiben-Rennkupplung des Peugeot 907. Schleifen lassen beim Anfahren – das geht nicht. Geradezu als Bestätigung verstummt der Zwölfzylinder beim Einkuppeln mit einem Schlag. Die Kupplung arbeitet offenbar digital: an – sprich Kraftschluss – oder aus – sprich geöffnet.
Also noch einmal das Ganze: Bei getretener Kupplung und eingelegtem Gang den roten Startknopf auf der Mittelkonsole drücken – sofort fällt der Zwölfender nach einigen Anlasser-Umdrehungen in ein sonores Brabbeln. Ein kurzer Gasstoß, schnell einkuppeln und blitzschnell, aber dosiert wieder aufs Gas treten, und schon setzt sich der 907 mit einem Ruck in Bewegung. Beim Anfahren am Berg sind allerdings mehrere Versuche nötig, bis man weiß, wie es geht.
Bereits auf den ersten Metern wird klar, dass die 500 PS (367 kW), die das aus zwei 3,0-l-V6-Motoren zusammengesetzte Aggregat bereitstellt, nach freiem Auslauf verlangen. Im Kriechverkehr innerorts spratzt und hustet es zuweilen mächtig aus den Tiefen der Ansaugschlünde, die hinter Plexiglas ruhen und durch die sich wunderbar das Öffnen und Schließen der Drosselklappen beobachten lässt.
Das Peugeot 308 sw Facelift im Fahrbericht (Video)

Die V12-Klangkulisse bringt das Blut zum Kochen
Ist das Ortsschild passiert, beginnt eine Vorstellung der besonderen Art. Beim Tritt aufs Gas setzt der Peugeot 907 förmlich zum Sprung an, schnellt dank brachialer Leistungsentfaltung nach vorn und scheint das Asphaltband geradezu durch seinen mächtigen Lufteinlass in der Frontschürze aufzusaugen. Unterdessen brüllt das Triebwerk seine 500 PS (367 kW) aus den vier kurzen Auspuffrohren, die vor den Türen ins Freie münden, in einem Ton heraus, dass man sich statt auf der Schwarzwaldhöhenstraße auf der Hunaudières-Geraden in Le Mans wähnt. Die Klangkulisse – ein Konzert aus Schlürfen, Fauchen und Grollen – eignet sich problemlos dazu, das Benzin im Blut eines jeden Autofans zum Kochen zu bringen.
Die Beschleunigungsorgie des 1400 kg leichten Peugeot 907, der im Kern aus einem Carbon-Monocoque besteht, lässt den Franzosen nach nur 4,2 s die 100-km/h-Marke passieren, die 1000-m-Distanz soll der Glasdach-Zweisitzer laut Peugeot in 22 s meistern können. Theoretisch ist eine Spitze von 280 km/h möglich. Mit einer anderen Übersetzung für das vor der Hinterachse ruhende sequenzielle Sechsgang-Getriebe, das der französische Rennsportspezialist Sadev beisteuerte, sei die 300-km/h-Marke locker zu knacken, verspricht uns Jean-Christophe Bolle Reddat.
345er-Hinterreifen, keine elektronischen Fahrhilfen
Die Schaltbox ist übrigens für das eindrucksvolle Fahrerlebnis mitverantwortlich. Macht sie bei Schaltvorgängen im niedrigen Drehzahlbereich mit deutlich vernehmbaren Schaltgeräuschen die Mechanik geradezu erlebbar, so kann ab mittleren Drehzahlen der Kupplungsfuß pausieren, während ein kurzer und kräftiger Zug am Schalthebel genügt, um ohne spürbare Zugkraftunterbrechung die nächst höhere Fahrstufe einzulegen. Zum Herunterschalten (Schalthebel kurz nach vorn drücken) empfiehlt Bolle Reddat, die Kupplung zu betätigen, um den Antriebsstrang zu schonen.

Dennoch ruckt es dabei auch mit Kupplung vernehmlich. Beim Anbremsen von Kurven verlangt die Keramikbremsanlage anfangs vergleichsweise hohe Pedalkräfte. Es dauert ein wenig, bis die Michelin-Sportbereifung sowie die Bremsanlage auf Temperatur kommen und der Druckpunkt etwas besser fühlbar wird. Asphaltbiegungen meistert der Peugeot 907 dank der Anordnung des Motors hinter der Vorderachse und einer Gewichtsverteilung von 53 (vorn) zu 47 Prozent (hinten) relativ agil einlenkend, bevor am Kurvenausgang die 345er-Hinterreifen die Motorkraft ungefiltert von elektronischen Fahrhilfen wieder in Vortrieb umwandeln. Hier ist die Person am Steuer aufgerufen, vor allem bei Nässe die richtige Balance zwischen Längs- und Querbeschleunigung zu finden.
Die Idee eines Peugeot-Supersportlers noch längst nicht tot
Auf die Frage, ob denn dieser 907, von dem nur ein einziger Prototyp existiert, je in Serie gehen wird, antwortet Peugeot nicht eindeutig. Die Fahrpräsentation dient aber nicht nur der Image-Pflege, sondern auch dem Einholen von Reaktionen aus der Öffentlichkeit. Dass der Peugeot 907 auf jeden Fall ein echter Hingucker ist, zeigt uns die positive Resonanz von Schaulustigen während unserer Fotoproduktion. Davon lassen sich die Peugeot-Verantwortlichen leider nicht überzeugen. Aber wer weiß, was die Stellantis-Wundertüte in den kommenden Jahren noch so hervorbringen kann. Vielleicht wäre ein Supersportwagen mit Maserati-Technik oder auf Basis des Le-Mans-Renners 9X8 sogar für das Controlling eine Versuchung wert.
Technische Daten des Peugeot 907
AUTO ZEITUNG 08/2005 | Peugeot 907 |
|---|---|
Zylinder / Ventile pro Zylin. | V12 / 4 |
Hubraum | 6000 cm³ |
Leistung | 367 kW / 500 PS bei 6700 U/min |
Max. Gesamtdrehmoment bei | 600 Nm bei 4800 U/min |
Getriebe / Antrieb | 6-Gang-Getriebe, sequentiell / Hinterrad |
L / B / H | 4370 / 1880 / 1210 mm |
Leergewicht | 1400 kg |
Bauzeit | 2004 |
Stückzahl | 1 |
Beschleunigung null auf 100 km/h | 4,2 s |
Höchstgeschwindigkeit | 280 km/h |
Verbrauch auf 100 km | k. A. |
Grundpreis | k. A. |
























