Vergleich

Luxus der 70er: Opel Diplomat V8 trifft Mercedes 450 SEL

In der Oberklasse trat Mercedes 1972 mit der ersten S-Klasse an. Kann der dienstältere Opel Diplomat V8 heute noch gegen den Mercedes 450 SEL bestehen?

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Opel Diplomat V8/Mercedes 450 SEL fahrend von schräg vorne fotografiert.
1969 ging Opel erneut zum Angriff auf den Stern über: Der Diplomat B V8 sollte die zur S-Klasse abgewanderte Kundschaft zurückholen. Foto: Stefan Bau
Opel Diplomat V8 statisch von schräg vorne fotografiert.
Das Design des Diplomat B ist eine Mischung aus amerikanischem Styling und europäischen Einflüssen. Foto: Wim Woeber
Das Cockpit des Opel Diplomat V8
Dem Opel Diplomat ist sein US-Charme auch im üppigen Innenraum anzumerken. Foto: Wim Woeber
Der Motor des Opel Diplomat V8.
Der 5,4-l-V8 stammt aus dem Chevrolet-Regal und begeistert mit bärenstarkem Drehmoment. Foto: Wim Woeber
Mercedes 450 SEL statisch von schräg vorne fotografiert.
Der W116 ist die in Blech gepresste Machtdemonstration, vor allem in der SEL-Version mit verlängertem Radstand. Foto: Wim Woeber
Das Cockpit des Mercedes 450 SEL
Die Sitzposition in der standesgemäß ausgestatteten S-Klasse ist ausgezeichnet, die Bedienung ohne Tadel. Foto: Wim Woeber
Der Motor des Mercedes 450 SEL.
Der V8 punktet mit hoher Laufkultur und Temperament. Foto: Wim Woeber
Opel Diplomat V8/Mercedes 450 SEL fahrend von schräg hinten fotografiert.
Dem rundum gelungenen Opel Diplomat blieb der Oberklasse-Thron verwehrt. Dabei spielte die erste Ölkrise von 1973 eher eine untergeordnete Rolle. Dem luxuriösesten Opel aller Zeiten fehlte es seinerzeit schlicht an Akzeptanz. Foto: Stefan Bau

Der Kampf um die Luxusklasse: Opel Diplomat V8 gegen Mercedes 450 SEL

Im Februar 1969 griff Opel erneut nach den Sternen. Die überarbeitete KAD-B-Reihe umfasste auch den neuen Diplomat, der sich unter anderem durch stehende statt liegende Scheinwerfer vom 1964 präsentierten Vorgänger unterschied. Schon über die Qualitäten des Diplomat A war sich die Fachpresse und die solvente Käuferschaft einig gewesen. Doch Ende der Sechziger wendete sich das Blatt.

Viele einst treue Opel-Kund:innen waren inzwischen zu BMW oder Mercedes abgewandert. Als der Diplomat B debütierte, boten die Stuttgarter noch den W108 und den baugleichen, aber luftgefederten W109 als Luxus-Pendant an. Mit der ab 1966 entwickelten und 1972 vorgestellten ersten S-Klasse, intern W116 genannt, ging das Duell in der Oberklasse in eine neue Runde. Wir baten die beiden Spitzenmodelle der Baureihen zum Duell. Opel trat mit einem Diplomat V8 in der Langversion von 1976 gegen einen Mercedes 450 SEL an, wie ihn Medienmogul Leo Kirch 1973 bestellt hatte.

Der Mercedes 560 SEC im Fahrbericht (Video)

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Video: AUTO ZEITUNG

Design-Philosophien: US-Styling beim Opel, europäische Präsenz bei Mercedes

Das Design des Diplomat B ist eine Mischung aus amerikanischem Styling und europäischen Einflüssen. Hinzu kam das durch Ford bereits popularisierte Vinyldach, dass auch den Diplomat auszeichnet. Wer mindestens 20.257 Mark in die Grundversion des Diplomat investierte, konnte stolz die auf den Kotflügeln montierten V8- Embleme vorweisen: Man zeigte seinerzeit gerne, was man hat. In der automobilen Luxusklasse traf diese Mischung aber schon damals nicht jedermanns Geschmack. Gerald Ford wird sie indes gefallen haben: Während des Staatsbesuchs des US-Präsidenten 1975 wurde die mit Standarten-Halterung ausgestattete Diplomat-Langversion staatstragend genutzt.

Wer es in der Oberklasse der frühen 70er-Jahre geradliniger, formal europäischer mochte, für den stand die Mercedes S-Klasse bereit. Anders als der Diplomat, der im direkten Vergleich wie aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, war der W116 die in Blech gepresste Machtdemonstration, vor allem in der SEL-Version mit verlängertem Radstand. Allein die Doppelstoßfänger sorgten für Überholprestige.

Für den mehrfach zum „Best Sedan in the World“ gekürten V8 W116 mussten über 7000 Mark mehr investiert werden als für den Diplomat. Der Mercedes bot vier elektrisch öffnende Fenster und viele Extras, darunter ein B-Netz-Autotelefon zum Preis von zwei VW 1303. Das am häufigsten bestellte Ausstattungsmerkmal trug das interne Kürzel 260. Dahinter verbarg sich der Entfall der Typenbezeichnung auf dem Heckdeckel. In dieser Preisklasse schätzten die oberen Zehntausend den Reiz des Understatements. Auch ein Grund, weswegen die S-Klasse auf Anhieb sehr erfolgreich gewesen ist.

Opel Diplomat V8/Mercedes 450 SEL fahrend von schräg hinten fotografiert.
Foto: Stefan Bau

V8-Power und Dreistufen-Automatik

Dem Luxusanspruch wird auch der Innenraum gerecht. Der W116 mit langem Radstand bietet natürlich außer der sehr bequemen Möglichkeit, auf der opulenten Rückbank zu logieren, auch den Reiz, auf dem mit Velours ausgeschlagenem Fahrersitz Platz zu nehmen. Dort hat man nicht nur den Stern, sondern auch die hervorragend ablesbaren Instrumente im Blick. Im Diplomat hingegen sind die Rundinstrumente und Schalter ungünstiger angeordnet.

„Dem luxuriösesten Opel aller Zeiten fehlte es seinerzeit schlicht an Akzeptanz.“
Ingo Eiberg

Von hier aus wurde der 5,4 l große V8 vornehmlich von Opel-eigenen Fahrer:innen während dienstlicher Fahrten in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn bedient. Internationale Staatsgäste nahmen im geräumigen Fond Platz, während der sehr kultivierte und drehmomentstarke Chevrolet-V8 mit Hilfe der trägen Dreigang-Automatik den Diplomat in 10 s auf Landstraßentempo brachte. Mit dem fünf PS schwächeren 4,5-l-V8 im schwergewichtigen Mercedes geht es sogar einen Wimpernschlag schneller voran. Auch der W116 ist mit einer Dreistufen-Automatik ausgestattet, die jedoch perfekt auf den temperamentvollen V8 abgestimmt ist.

Dem luxuriösesten Opel fehlte es an Akzeptanz

Der 450 SEL produziert sehr präsente Abrollgeräusche. Der Opel Diplomat punktet hingegen mit einer beeindruckend niedrigen Geräuschkulisse, denn auch bei hohem Tempo sind Flüstergespräche möglich. Bevor Mercedes den W116 auflegte, galt der Diplomat trotz seiner langen Bauzeit als fahrsicherstes Auto in der Luxusklasse. Dank DeDion-Hinterachse fährt sich der Luxus-Opel im direkten Vergleich mit Ausnahme der indirekten Lenkung ausgewogen und kurvenstabil.

Das aufwändige und komfortabel-straffe Fahrwerk im über fünf Meter langen 450 SEL ist jedoch deutlich agiler und vermittelt noch heute einen souveränen Eindruck. Es sorgt in der Chauffeur-Limousine für mehr Fahrspaß. Nicht ohne Grund entschieden sich viele der solventen und Premium-orientierten Kund:innen für die teurere, modernere und repräsentativere S-Klasse. Sie überzeugt zudem mit ihrer hohen Funktionalität und der guten Raumausnutzung sowie ausgezeichnetem Komfort. Dem rundum gelungenen Opel Diplomat blieb eine größere Käuferschaft und der Oberklasse-Thron verwehrt. Dabei spielte die erste Ölkrise von 1973 eher eine untergeordnete Rolle. Dem luxuriösesten Opel aller Zeiten fehlte es seinerzeit schlicht an Akzeptanz. Mit seiner Einstellung 1977 endete für Opel denn auch die Ära der Luxuslimousinen.

Technische Daten von Mercedes 450 SEL und Opel Diplomat B V8

Classic Cars 12/2014

Mercedes 450 SEL

Opel Diplomat B V8

Zylinder / Ventile pro Zylin.

V8 / 2

V8 / 2

Hubraum

4520 cm³

5354 cm³

Leistung

165 kW/225 PS bei 5000 U/min

169 kW/230 PS bei 4700 U/min

Max. Gesamtdrehmoment bei

378 Nm bei 3000 U/min

435 Nm bei 3100 U/min

Getriebe / Antrieb

3-Stufen-Automatik / Hinterrad

3-Stufen-Automatik / Hinterrad

L / B / H

5060 / 1870 / 1430 mm

5070 / 1852 / 1450 mm

Leergewicht

1825 kg

1720 kg

Bauzeit

1972 – 1980

1969 – 1977

Stückzahl

59.578

11.108

Beschleunigung null auf 100 km/h

9,9 s

10 s

Höchstgeschwindigkeit

210 km/h

200 km/h

Verbrauch auf 100 km

19,0 l S

21,0 l S

Grundpreis (Jahr)

44.444 Mark (1975)

36.600 Mark (1976, Langv.)