Fahrbericht

Testfahrt im Lucid Gravity: Bemerkenswerte Liebe zum Detail

Ein 617 kW (839 PS) starkes Fünf-Meter-SUV, das sich irgendwo zwischen Sportwagen, Raumschiff und Familien-Van bewegt ­– der Lucid Gravity Grand Touring hinterlässt bei unserer Testfahrt aus verschiedenen Gründen bleibenden Eindruck.

(1/12)
Der Lucid Gravity fährt auf einer Landstraße, von vorne fotografiert.
Mit dem Gravity stellt Lucid nach der Limousine Air das zweite Modell vor – diesmal ein Oberklasse-SUV. Foto: Lucid
Der Lucid Gravity fährt auf einer Landstraße, von hinten fotografiert.
Mit dem optionalen Adaptiv-Fahrwerk ist der Gravity vielseitig aufgestellt. Foto: Lucid
Das Cockpit des Lucid Gravity.
Geschmackssache: das viereckige Lenkrad. Wir haben uns unerwartet schnell daran gewöhnt. Foto: Lucid
Die vorderen Sitze des Lucid Gravity.
Materialien und Verarbeitung hinterlassen einen soliden Eindruck. Foto: Lucid
Die zweite Sitzreihe des Lucid Gravity.
Die zweite Sitzreihe wartet nicht nur mit reichlich Platz auf, sondern auch mit Tischen, die sich im Flugzeug-Stil von den Rückseiten der Vordersitze herunterklappen lassen. Foto: Lucid
Die dritte Sitzreihe des Lucid Gravity.
Die vielleicht größte Überraschung am Gravity: Das großzügige Platzangebot in der optionalen dritten Sitzreihe. Foto: Lucid
Der Kofferraum des Lucid Gravity.
Auch hinter der dritten Sitzreihe bietet der Gravity noch einen brauchbaren Kofferraum. Foto: Lucid
Der Kofferraum des Lucid Gravity mit umgeklappter dritter Sitzreihe.
Bei umgeklappter dritter Sitzreihe ergibt sich eine ebene Ladefläche mit 780 l Ladevolumen. Foto: Lucid
Der geöffnete Frunk des Lucid Gravity bietet durch ein aufgeklapptes Polster eine Sitzbank.
Clever: Der geöffnete Frunk bietet dank ebener Ladekante und integriertem Polster eine gemütliche Sitzbank. Foto: Lucid
Der Lucid Gravity, statisch von vorne fotografiert.
Mindestens 99.900 Euro sollte man in einen Lucid Gravity investieren können. Foto: Lucid
Der Lucid Gravity, statisch von rechts fotografiert.
Als Grand Touring gibt es mit 617 kW (839 PS) deutlich mehr Leistung, dann für mindestens 116.900 Euro. Foto: Lucid
Der Lucid Gravity, statisch von hinten fotografiert.
Cleane Flächen und dezente Leuchtleisten definieren den Auftritt des Gravity. Foto: Lucid

Der neue Lucid Gravity ist kaum zu kategorisieren

Menschen lieben Schubladen. Sei es um andere Menschen zu kategorisieren, Musik, kulinarische Genüsse – oder eben Autos. Passt etwas nicht die gewohnte Schublade, führt es zu Irritation. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Sich abwenden und einfacheren Dingen widmen oder sich der Anziehung des Ungewohnten hingeben und anfangen, das fragliche Objekt zu studieren.

Wir entscheiden uns beim neuen Lucid Gravity für Letzteres – zum einen, weil wir für eine Testfahrt angereist sind, zum anderen, weil das zweite Modell der kalifornischen Marke einfach zu spannend ist, um darüber hinwegzusehen. Bereits die Limousine Air sorgt mit ihrer Mischung aus Luxus und Dynamik seit 2021 für Kopfkratzen und mit Blick ins Datenblatt macht es uns der Gravity nicht leichter.

Derzeit steht das SUV in zwei Varianten im Konfigurator, beide mit Allradantrieb: Als Touring mit 418 kW (568 PS) Antriebsleistung und als Grand Touring mit 617 kW (839 PS). Neben der Performance unterscheiden sich die beiden Modelle aber auch bei der Batterie- und Ladetechnik. So lässt sich die 123-kWh-Batterie des Topmodells dank 924 V Spannung mit bis zu 400 kW laden. Der Touring bietet maximal 672 V, 250 kW Ladeleistung und speichert bis zu 89 kWh. Was sich logischerweise ebenfalls unterscheidet, sind die Preise: 99.900 Euro zu 116.900 Euro (Stand: März 2026).

Dritte Sitzreihe mit XXL-Kniefreiheit & Frunk-Bank

Ans Eingemachte geht es beim Innenraum des neuen Lucid Gravity, denn dort zeigt sich, wieso das Exterieur-Design leicht kastig wirkt: Durch eine 2-3-2-Konfiguration bietet das SUV optional bis zu sieben Sitzplätze. Und bei der dritten Sitzreihe handelt es sich nicht um Notsitze – der Knieraum reicht auch für Großgewachsene vollkommen aus und erst ab circa 1,90 m wird es eng mit der Kopffreiheit.

Neben dem großzügigen Kofferraumvolumen von 780 l hinter der zweiten Reihe und 3009 l hinter der ersten Reihe bietet der Lucid Gravity ein neuartiges und cleveres Frunk-Konzept. Daraus, dass der „Kühlergrill“ in die Motorhaube integriert ist, ergibt sich beim Öffnen eine ebene Ladekante oberhalb der Stoßstange. In Verbindung mit einem integrierten Sitzpolster zum Auffalten lässt sich der 230 l große Frunk zur erstaunlich gemütlichen Sitzgelegenheit mit Rückenlehne umfunktionieren – großzügig für eine Person oder kuschelig für zwei.

Interieur: Praktische Features treffen auf exzentrisches Design

Das Cockpit des Lucid Gravity.
Foto: Lucid

Auch abgesehen von den Sitzgelegenheiten gefällt der Innenraum des neuen Lucid Gravity durch clevere und praktische Features. Sei es die geräumige Mittelkonsole mit beweglichem Einsatz für Ladeschale und Getränkehalter oder seien es die klappbaren Flugzeug-Tische in Reihe zwei – nichts davon geht als ernstzunehmendes Kaufargument durch, in Summe ergeben sie aber ein Auto, das über das Gewöhnliche hinausgeht.

Eher unter die Kategorie „Spielerei“ fallen derweil das viereckige Lenkrad und die Windschutzscheibe, die nahtlos ins Panorama-Glasdach übergeht. Letzteres ist übrigens lediglich durch eine Strebe unterbrochen, die aus Gründen der Crash-Sicherheit die beiden B-Säulen miteinander verbindet.

Beides bringt keine großen praktischen Vorteile, geht aber als Hingucker durch und funktioniert einwandfrei. Skeptisch waren wir im Vorfeld bezüglich des Lenkrads, doch die Testfahrt zeigt, dass die meisten alltäglichen Manöver durch die Übersetzung der Progressivlenkung ohne Umgreifen möglich sind. Insofern spielt die Form des Lenkrades ohnehin eine nebengeordnete Rolle.

Bedienung: Ist weniger mehr?

In Sachen Bedienung setzt Lucid wie bereits beim Air auf Reduktion: aufgeräumte Bildschirme, übersichtliche Menüs, schnörkellose Icons. Das reduziert trotz großer Display-Flächen Verwirrung und Ablenkungspotenzial, gleichzeitig aber auch die Optionen. So ist beispielsweise die Rekuperation lediglich aus- oder in zwei Stufen anstellbar und es gibt drei voreingestellte Fahrmodi ohne einen individuellen Modus. Bei einigen Funktionen wie etwa dem Öffnen des Handschuhfachs oder der Verstellung der Außenspiegel hätten wir zudem bekannte Hebel beziehungsweise Regler als intuitiver empfunden als die Touch-Bedienung des Gravity.

Der Gravity verfügt im Frunk, im Fond und im Kofferraum über jeweils eine Haushaltssteckdose, um externe Geräte zu betreiben. Schade allerdings: Bei unserer Testfahrt registriert die Software zwar das Einstecken unseres Laptop-Netzteils, gibt aber auf keiner der Steckdosen Strom frei. Lucid will das mithilfe eines neuen Over-the-Air-Updates bereits behoben haben.

Gravity in Action: Sagenhafter Antritt & versteckte Größe

Aber wie fährt der neue Lucid Gravity als Grand Touring eigentlich? Der 617 kW und 1232 Nm starke Allradantrieb lässt uns beim Tritt ins Gaspedal alles vergessen – selbst das bedenkliche Leergewicht von 2749 kg. Doch der Spaß ist glücklicherweise nicht vorbei, wenn man den Fuß vom Gas nimmt und die inneren Organe wieder an Ort und Stelle verharren.

Lucids Philosophie, über das Bremspedal ausschließlich die Reibbremse zu bedienen und nicht die Rekuperation, geht nämlich auf: Zum einen lässt sich ein Großteil des alltäglichen Fahrens mit dem rechten Fuß steuern, wodurch man die Bremse selten braucht, zum anderen gefällt das Bremspedal ohne Blending (Übergang von Rekuperation zur konventionellen Bremse) mit einem einwandfreien Gefühl.

Durch das Dynamic Handling-Paket wird das serienmäßige Luftfahrwerk mit drei Kammern ausgestattet und verändert Bodenfreiheit und Dämpfungscharakteristik in den verschiedenen Fahrmodi automatisch. Das macht sich bei unserer ersten Testfahrt durchaus bemerkbar: Im Smooth-Modus schaukelt der Gravity bei Temposchwellen noch leicht nach, im Sprint-Modus federt das SUV sportlich-straff an. Alternativ lässt sich die Bodenfreiheit auch bequem manuell einstellen.

Der Lucid Gravity fährt auf einer Landstraße, von hinten fotografiert.
Foto: Lucid

Unsere Testroute gibt leider nur wenige dynamische Kurvenmanöver her, doch nach Möglichkeit lässt sich der Grand Touring für ein Auto dieser Größe und Gewichtsklasse erstaunlich flott ums Eck scheuchen. Die optionale Hinterachslenkung bis zu drei Grad unterstützt vor allem in Haarnadelkurven tatkräftig dabei, die gut fünf Meter Außenlänge geschickt unter den Teppich zu kehren.

Zur Effizienz: Nach unserer gemessenen Landstraßenetappe im moderaten Reisetempo gibt der Bordcomputer einen Verbrauch von rund 18,6 kWh/100 km an, was im Bereich der Herstellerangabe liegt. Der WLTP-Wert ist also tatsächlich realistisch erreichbar – zumindest, wenn man sich mit dem rechten Fuß zurückhält. Das verheißt Gutes für die Langstrecken-Reichweite.

Fazit

Nicht Fisch, nicht Fleisch, oder das Beste aus allen Welten? Im Falle des Lucid Gravity plädieren wir nach unserer Testfahrt auf letzteres: Das SUV kombiniert clevere Features und Liebe zum Detail mit einer bemerkenswerten Vielseitigkeit und einem exzentrischen Design. Wie viel solvente Kundschaft sich im deutschsprachigen Raum findet, die einen sechsstelligen Betrag für das Auto einer weitgehend unbekannten Marke zahlt, steht jedoch auf einem anderen Blatt.

Technische Daten des Lucid Gravity Grand Touring

AUTO ZEITUNG 8/2026

Lucid Gravity Grand Touring

Technische Daten

Motor

Zwei permanenterregte Synchronmaschinen

Antrieb

Konstantübersetzung; Allrad

Leistung

617 kW / 839 PS

Max. Drehmoment

1232 Nm

Kapazität / Spannung

123 kWh / 926 V

Karosserie

Außenmaße (L / B / H)

5035 / 2000 (2195)* / 1658 mm

Leergewicht (7-Sitzer)

2749 kg

Kofferraumvolumen

780 l ** – 3009 l, Frunk: 230 l

Fahrleistungen

Beschleunigung (0 – 100 km/h)

3,6 s

Höchstgeschwindigkeit

250 km/h

Verbrauch auf 100 km

18,2 – 19,1 kWh

Reichweite

712 – 748 km

Kaufinformationen

Grundpreis

116.900 €

Marktstart

Im Handel

Alle Daten Werksangaben; * Breite inklusive Außenspiegel; ** hinter der 2. Sitzreihe