Reportage

Campervan mit Aufstelldach: Selbsttest im Mercedes Marco Polo

Sind Aufstelldach-Busse die perfekte eierlegende Wollmilchsau für den Alltag und kleine Urlaubs-Fluchten – oder sitzen sie zwischen allen Camping-Stühlen? Der Selbsttest im Mercedes Marco Polo klärt auf!

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Die Mercedes V-Klasse Marco Polo fährt auf einer Straße, fotografiert von vorne schräg auf.
Sternenhimmel am Bug, schickes AMG-Paket – mit dem Marco Polo denkt Mercedes eher an luxuriöses Glamping als an Bulli-Romantik. Foto: Hardy Mutschler
Die Mercedes V-Klasse Marco Polo fährt auf einer Straße, fotografiert von hinten schräg auf.
Die Kompaktheit macht den Marco Polo fit für Parkhäuser und Fährdecks – aber auch zum reinen Schönwetter-Camper. Foto: Hardy Mutschler
Die Mercedes V-Klasse Marco Polo fährt auf einer Straße, das Armaturenbrett wurde fotografiert.
Edles Interieur statt Lieferwagen-Ambiente – die V-Klasse ist ein echter Mercedes. Das Bedienkonzept mit Touchdisplay und praktischen Analog-Schaltern funktioniert. Foto: Hardy Mutschler
Der zentrale Bildschirm der Mercedes V-Klasse Marco Polo ist zu sehen.
Die Automatische Nivellierung schräger Stellplätze ist praxisgerechter Luxus, darauf möchte man nicht mehr verzichten. Foto: Hardy Mutschler
Die Mercedes V-Klasse Marco Polo steht auf einem Campingplatz, schräg seitlich fotografiert.
Lichtgestalt: Schaltbare Beleuchtungsszenarien sorgen für Stimmung, gut verteilte LED-Leuchten für genügend Helligkeit. Foto: Johannes Riegsinger
Das Klappbett im Aufstelldach der Mercedes V-Klasse Marco Polo.
Im Aufstelldach schläft es sich dank Federteller-Rost recht kommod – schade, dass Mercedes keine vollständige Öffnung der Stoff-Bälge bietet. Foto: Hardy Mutschler
Die App-Steuerung der Mercedes V-Klasse Marco Polo ist zu sehen.
Die Fernsteuerung der Camping-Funktionen per Smartphone-App ist gelungen und gelingt komfortabel. Foto: Hardy Mutschler

Aufstelldach-Campervans: Gerüstet für Alltag und Urlaub

Pkw-Alltagstauglichkeit und moderate Größe, kombiniert mit einem Schuss Camping-Abenteuer: Aufstelldach-Busse à la VW California oder Mercedes Marco Polo sind für Familienmenschen heimliche Traumwagen – und ziemlich teuer. Bevor man also weit über 60.000 Euro liegenlässt oder die Dienstwagen-Versteuerung vom geldwerten Vorteil zum Nachteil wird, möchte man schon wissen, ob dieser Traum auch Realität wird. Oder ob man besser wieder Zelten geht ... Zeit für den Redakteurs-Selbstversuch – und er beginnt gut!

Das Mercedes V-Klasse Facelift im Video

Video Platzhalter
Video: AUTO ZEITUNG

Ausguck, Leselampe & USB-Ladebuchsen unterm Dach

Die elfjährige Tochter hebt den Daumen und würde am liebsten noch direkt vor dem Haus die erste Nacht im Aufstelldach verbringen. „Durch die Reißverschluss-Öffnungen kommt viel frische Luft, Leselampen, Staunetze und USB-Ladebuchsen fürs Handy gibt es auch ... “ – „... und die fünf Zentimeter dicke Matratze liegt auf einem Federteller-Lattenrost“ , füge ich bedeutsam hinzu, ernte dafür aber nur einen verständnislosen Fragezeichen-Blick. „Es ist seeehr gemütlich, wenn du das meinst. “ Meine ich.

Dass andere Hersteller echte Ausguck-Öffnungen im Zeltstoff bieten, während beim Marco Polo immer ein von außen blickdichtes Insektennetz stehen bleibt, erzähle ich der jungen Dame aber lieber nicht. „Ihr müsst unten schlafen “, wird angeordnet.

Mädchen liegt auf dem oberen Bett unterm Aufstelldach des Mercedes Marco Polo.
Foto: Hardy Mutschler

Komfortables Fahren ist die Kernkompetenz des Marco Polo

Davor kommt aber eine erste Test-Reiseetappe. Und fahren kann der Mercedes Marco Polo bemerkenswert gut: mit sattem Drehmoment und geringem Verbrauch über die Langstrecke dieseln, superkomfortabel auf ruppigen Landstraßen und glattgebügelten Autobahnen dahinschnüren.

Die sämig schaltende Neunstufen-Automatik sorgt für einen hohen Antriebskomfort, der 237 PS (174 kW) starke Zweiliter-Turbodiesel des Mercedes V 300 d-Testwagens wiederum kann auf Wunsch mit Nachdruck sprinten oder den über 2,5 t schweren Reise-Kokon leise murmelnd vorwärtsschieben.

Das Armaturenbrett der Mercedes V-Klasse Marco Polo.
Foto: Hardy Mutschler

Während die direkte Konkurrenz von VW für ihr Bus-iges Fahrgefühl auf dem hohen Kutschbock geliebt wird, schätzt man an der Mercedes V-Klasse den nahezu Pkw-ähnlichen Charakter: vergleichsweise tiefe Sitzposition und neutrales Handling. Eine Entweder-oder-Entscheidung – beide Typen haben ihren Charme.

Wer Marco Polo fährt, sucht sich nicht unbedingt die im Voraus gebuchte Campingplatz-Parzelle inklusive Kinder-Animation, sondern tendiert zum wildromantischen Natur-Stellplatz – und natürlich ist da wieder nur ein reichlich abschüssiger Winkel frei. Macht aber nix, der Marco Polo lässt sich durch sein Luftfahrwerk bequem ausnivellieren: Knopfdruck statt des umständlichen Auffahr-Keil-Rangierens – die VW-Bulli-Naturburschen-Nachbarschaft verzehrt sich beim Zuschauen vor Neid.

Es geht aber noch besser: Von der Wanderung unterwegs oder nachts im Halbschlaf per App die Heizung aus- und die Kühlbox anwerfen? Kein Problem. Wasserstände und Batterieladung beim Blick aufs Smartphone checken? Easy. Romantische Ambientebeleuchtung einschalten, damit der strapazierfähige Vinyl-Boden im Yacht-Look noch besser wirkt? Aber ja!

Oben kalt, unten hart? Nachtruhe nicht für jeden gut

Und dann geht es in die erste Camping-Nacht, die am nächsten Morgen mit gemischten Gefühlen besprochen wird: Nachts erlegte Stechmücken haben im hellen Luxus-Interieur leuchtend rote Blutflecken hinterlassen, die Prinzessin hat im luftigen Dachabteil zuerst geschwitzt, dann gefroren und will ab jetzt nun doch immer unten nächtigen. Einverstanden, denn das per Knopfdruck aus der Klappsitzbank gebaute Parterre-Bett polarisiert trotz drei Zentimeter dickem Topper: Die Königin freut sich über einen sichtlich gelungenen Schönheitsschlaf, während der Hofnarr über knarzende Knochen jammert.

Zwischen Kissenchaos und City-Komfort

Mercedes Marco Polo Facelift (2024); Innenansicht Küche
Foto: Mercedes

Einstimmigkeit herrscht nur über das Urteil zur Phase zwischen warm eingepacktem Ausschlafen und erster Tasse Kaffee, denn die ist reichlich unflexibel: Um sich unten aufrecht rühren zu können, sollte das obere Bett ins Dach geklappt werden – wofür zuerst Prinzessin samt Kuschelbedarf vertrieben werden muss. Auch unten bleibt kein Rückzugsort, denn um an die Schubladen unter dem Zweiflammen-Herd zu kommen, muss auch hier das Bett zur Bank umgebaut und nach hinten verschoben werden.

Da hocken wir nun inmitten von Bettdecken, zusammengerolltem Topper, den Klamotten zweier Tage, Büchern und Ladekabeln, während sich im Cockpit feuchte Handtücher und provisorisch hingeräumte Reisetaschen stapeln. Guten Morgen! Das Kochen und auch das Spülen klappen dagegen sofort ganz gut, fürs Bettenbauen und routiniertes Sieben-Sachen-Handling brauchen wir aber etwas länger Übung.

Höhepunkt? Dass der Marco Polo bei einem Städtetrip nach London einfach ins kostenlose Parkhaus eines Einkaufszentrums passt. Tiefpunkt? Die lautstarke Rock-around-the-clock-Party eines englischen Kegelclubs auf einem Land-Stellplatz eine Nacht später. Aber dafür kann der Mercedes ja nichts…

Fazit

Zu zweit ist man im Marco Polo flexibel, bequem und spontan unterwegs, die Klappdach-V-Klasse wird dann zur unternehmungslustigen Pkw-Alternative. Echte Camper-Gemütlichkeit kommt ab dem dritten Bettgenossen aber nicht mehr auf, die Bewegungsfreiheit und der Platz sind dann sehr eingeschränkt. Für ein wildes Wochenende passt der Glamping-Daimler aber trotzdem.

Technische Daten der Mercedes Marco Polo

AUTO ZEITUNG 01/2026

Mercedes V-Klasse Marco Polo

Technische Daten

Motor

4-Zyl., Biturbodiesel, 1950 cm³

Antrieb

9-Stufen-Automatik; Hinterradantrieb, optional Allradantrieb

Leistung

174 kW/237 PS

Max. Drehmoment

500 Nm

Karosserie

Außenmaße (L/B/H)

5140/1928/1975 mm

Leergewicht/Zuladung

2543/557 kg

Ausstattung

Sitz-/Schlafplätze

4/4

Herd/Heizung

Zweiflammkocher/Diesel

Gas

2,75 kg

Frisch-/Abwasser

38/40 l

Preis

Grundpreis

83.800 Euro

Alle Daten Werksangaben