Vorstellung

Mercedes 420 SEL (W126): Das seltene Mobil-Büro mit Autofax

Wer etwas auf sich hält, arbeitet im Auto – das war auch schon vor 
35 Jahren so: Mit Autotelefon und Faxgerät wurde das große Rad gedreht. Mercedes bot das Business-Paket in der S-Klasse als Sonderausstattung an. Wir haben solch ein mobiles Büro in einem Mercedes 420 SEL wiedergefunden.

(1/10)
Mercedes 420 SEL
Zum W126 an sich muss man wohl nicht mehr viele Worte verlieren. Mit allerlei seltenem Büro-Schnickschnack an Bord wird es jedoch äußerst spannend. Foto: Markus Heimbach
Mercedes 420 SEL fahrend von vorne fotografiert.
Die S-Klasse der Baureihe 126 ist das meistgebaute Luxusauto der Welt – und bis heute beliebt. Foto: Markus Heimbach
Mercedes 420 SEL fahrend von der Seite fotografiert.
Der Mercedes 420 SEL von Rainer Mass beherbergt aber noch viel mehr als üblichen Mercedes-Komfort. Foto: Markus Heimbach
Das Cockpit des Mercedes 420 SEL.
Nach knapp 900.000 gebauten Exemplaren ist das klassisch-schöne Cockpit durchaus noch präsent – hier
bestückt mit einem Becker Europa. Foto: Markus Heimbach
Der Motor des Mercedes 420 SEL.
Der 224 PS (165 kW) starke V8 benötigt den gesamten Raum unter der Fronthaube. Foto: Markus Heimbach
Die zwei Rückspiegel des Mercedes 420 SEL.
Chauffeursauto, klar: Dank zweier Rückspiegel
hat der Fahrer den Boss und den rückwärtigen
Verkehr gleichzeitig im Blick. Foto: Markus Heimbach
Schaltleiste in der Tür des Mercedes 420 SEL.
Die Schaltleiste in der Tür gibt es nur im Business-Benz hinten rechts. Foto: Markus Heimbach
Faxgerät in der Mittelarmlehne des Mercedes 420 SEL.
Das Faxgerät steckt in der Mittelarmlehne, sie muss zur Benutzung heruntergeklappt werden. Foto: Markus Heimbach
Das Autotelefon des Mercedes 420 SEL.
Was für eine große Einheit, dabei besteht sie doch nur aus Tastatur und Telefon. Schade, dass so etwas heute nicht mehr funktioniert – das C-Netz wurde Ende Dezember 2000 abgeschafft. Foto: Markus Heimbach
Fahrer und Mitfahrer im Auto sitzend von vorne durch die Windschutzscheibe fotografiert.
Der beste Platz ist rechts hinten. Rainer Maas sitzt dort allerdings nur 
fürs Foto – sonst fährt er lieber selbst. Foto: Markus Heimbach

Faksimile auf Rädern: Als das Faxgerät die S-Klasse eroberte

Weiß noch jemand, was „faxen“ ist? Nein, das hat nichts mit dem durchaus akzeptablen dänischen Bier zu tun. Es bedeutet auch nicht, merkwürdige Grimassen zu schneiden – diese „Faxen“ werden vor allem albernen Kindern zugeordnet. Nein, das Verb „faxen“ meinte einst: Ein „Faksimile“ erstellen, was aus dem Lateinischen stammt und „mache ähnlich“ bedeutet, also eine Vorlage originalgetreu wiedergeben.

Die damalige Neuzeit erschuf daraus ein „Telefax“, also eine „Fernabbildung“ oder „Fernkopie“. Wer etwas auf sich hielt, hatte ein Faxgerät zu Hause. Und wer sich für noch viel wichtiger hielt, auch im Auto. Wurde man dann noch in einem großen, gut motorisierten Benz chauffiert, war man ganz oben angekommen.

So wie Professor Rainer Maas – obwohl seine Karriere als Radiologe nichts mit Faksimiles in Autos zu tun hat. Zum Mobil-Fax kam er erst 2014, als er auf Empfehlung eines Freundes einfach mal einen W126 als 420 SEL kaufte. Der Preis: 4300 Euro. Erstbesitzer war die heute nicht mehr existente Firma Standard Elektrik Lorenz AG in Stuttgart-Zuffenhausen, die Erstzulassung des Autos datierte auf den 20. April 1990.

Im Kaufvertrag von Maas steht zwar „für die Verwertung“, ein Classic-Analytics-Spezialist attestierte aber trotz einer Laufleistung von 234.726 km die Note 2-. Die große Limousine mit ihren 224 PS (165 kW) war nicht perfekt, aber sie fuhr gut und bot viel Platz für die große Familie. Besonders der jüngste Sohn, mit 2,06 m hoch aufgeschossen, freute sich über massenhaft Platz rechts hinten.

Der Mercedes 560 SEC im Fahrbericht (Video)

Video Platzhalter
Video: AUTO ZEITUNG

Gut vernetzt dank C-Netz-Autotelefon

Und über das zu jener Zeit schon antiquierte C-Netz-Telefon zwischen den Vordersitzen, das allein optisch einiges hermacht. Das analoge, zellulare Funktelefonnetz C der deutschen DeTeMobil – eingeführt am 1. Mai 1985 – bedeutete einen großen Fortschritt im Vergleich zu den vorherigen A- und B-Netzen. Es war die dritte und letzte Generation analoger Funktelefonnetze in Deutschland und stellte ferner das einzige analoge Mobilfunknetz dar, das in Deutschland zur kommerziellen Nutzung betrieben wurde.

Das Autotelefon des Mercedes 420 SEL.
Foto: Markus Heimbach

Alle Mobil-Teilnehmenden erhielten die Vorwahl 0161, sodass man nicht mehr wusste, wo sich der Angerufene aufhielt. Der Wechsel von einer Funkstation zur nächsten war unterbrechungsfrei, unberechtigtes Abhören war schwieriger geworden, und jetzt waren auch herausnehmbare und tragbare Geräte möglich. Das Netz verkraftete bis zu 850.000 Teilnehmende (A-Netz 10.500, B-Netz 27.000). Ab Ende 1990 gehörten Anrufbeantworter und Rufumleitung zum Netzmerkmal, davor gab es so etwas nur als Hardware-Zubehör. Das C-Netz überlebte bis zum 31. Dezember 2000. Bei Mercedes kostete so ein C-Netz-Telefon fast 5000 Mark brutto, hinzu kam die mechanische Antenne für knapp 600 Mark.

Ein Faxgerät in der Mittelarmlehne

Dass Maas’ Auto aber noch viel mehr beherbergt als üblichen Mercedes-Komfort und das Telefon, entdeckte der Mediziner erst später: Ein paar ungewöhnliche Ausstattungsdetails weisen diesen Benz als rollendes Büro aus. Das Herzstück fand Maas, als er die Mittelarmlehne im Fond herunterklappte. Statt einer gepolsterten Stütze steckt dort ein AEG Olympia Roadfax.

Das Gerät ist heute eine echte Rarität: Die Mobilfaxe von AEG Olympia gab es mit eingebautem Akkumulator (24 Volt), mit eingebautem Netzteil für 100 bis 230 Volt für den Bürocontainer und als „Carryfax“ im Koffer samt C-Netz-Schnittstelle. Die häufigste Ausführung war die Akku-Version – mittels Akustikkoppler konnte jede Telefonzelle weltweit genutzt werden. Aber sie war eben auch als Mercedes-Sonderausstattung mit dem Code 870/871 zu haben – samt eingebautem Netzteil für 12 Volt, eingeführt 1990 und aus dem Programm gefallen im September 1993.

Heute ist die 12-Volt-Autofax-Version extrem selten

Von der 12-Volt-Auto-Version existieren heute nur noch extrem wenige Exemplare. Das Design der AEG Olympia, die auch 
drucken und kopieren konnte, stammt von Keiji Furuya von der Nissei Opto Company in Hamamatsu. Liegt die Bedieneinheit zwischen den Vordersitzen waagerecht, kann sie von Fahrer:in und Beifahrer:in genutzt werden. Wird sie hochgeklappt, steht sie dem Chef rechts hinten zur Verfügung. Für gute Verbindungen sorgten Antennen, deren Sockel in Maas’ Exemplar noch in den hinteren Kotflügeln stecken.

Dem Boss stehen noch ein paar andere Nettigkeiten zur Verfügung: Über Tastendruck kann er den Beifahrersitz weit nach vorn fahren, auch die Rückenlehne des Copilotenplatzes kann er einstellen. Zudem ist die gesamte hintere Sitzbank elektrisch einstellbar. Auch das elektrische Schiebedach lässt sich über einen Schalter in der hinteren rechten Tür bedienen. Zusätzlich steht eine Arbeitslampe zur Verfügung.

Schaltleiste in der Tür des Mercedes 420 SEL.
Foto: Markus Heimbach

Der Preis der Sonderausstattung ist unbekannt

Trotz des klar definierten SA-Codes kann Mercedes-Benz Classic heute nicht mehr herausfinden, was die Kommunikationsausstattung in diesem Benz kostete. Möglicherweise stellte sich der Erstbesitzer ein paar Features selbst zusammen – schon damals versuchte Mercedes, jeden Wunsch zu erfüllen.

Sicher ist: Im September 1989 wurde das erste „voll integrierte Büro-Kommunikationssystem“ in einem 560 SEL vorgestellt. Das ähnelt dem im 420 SEL, beinhaltet aber zusätzlich einen frühen Personal-Computer „AEG Olympia Olyport Laptop 40/20 mit klappbarem LCD-Display“ in der Rückenlehne des Beifahrersitzes – und keine Fernbedienung für genau jenen Platz.

Der M116-V8 als Symbol für Laufruhe für die Langstrecke

Zum W126 an sich muss man wohl nicht mehr viele Worte verlieren. Nur so viel: Die damalige S-Klasse wusste auch ohne Büroschnickschnack zu überzeugen – mit knapp 900.000 gebauten Exemplaren ist sie bis heute das meistgebaute Luxusauto der Welt. Es ist stets eine Freude, sich hinter das Volant eines solchen Dickschiffs zu klemmen – diesmal sind wir der Chauffeur, der Professor im Ruhestand mimt hinten rechts den Chef.

Mercedes 420 SEL fahrend von der Seite fotografiert.
Foto: Markus Heimbach

Die Modellreihe sah bereits 1979 als 280 S, 280 SE und 280 SEL das Licht der Welt. 1985 folgten 420 SE/SEL und SEC. Der 420 SE löste mit dem kleinsten V8 den 380 SE ab, als SEL gab es ihn in der Langversion. Der Motor leistete zunächst 204 PS (150 kW) mit Kat. 1987 wurde die Kraft auf 224 PS (165 kW) angehoben. Das erreichte man durch Anhebung der Verdichtung von 9,0 auf 10,0 – die Antiklopf-Regelung machte es möglich. Der Preis bei Erscheinen im September 1985: 70.623 Mark.

Wie viel Aufpreis mit allen Extras das rollende Büro von Rainer Maas ursprünglich gekostet hat, ist nicht mehr zu recherchieren. Dass Maas das Gesamtkunstwerk trotz eines kompletten Motorschadens aufgrund eines Steuerkettendramas bis in die Neuzeit gerettet hat, ist dagegen aller Ehren wert. Darauf ein kühles Faxe!

Von Roland Löwisch

Technische Daten des Mercedes 420 SEL

Classic Cars 07/2026

Mercedes 420 SEL

Zylinder / Ventile pro Zylin.

8 / 2

Hubraum

4196 cm³

Leistung

165 kW/224 PS bei 5400 U/min

Max. Gesamtdrehmoment bei

325 Nm bei 4000 U/min

Getriebe / Antrieb

4-Stufen-Automatik / Hinterrad

L / B / H

5160 / 1820 / 1441 mm

Leergewicht

1660 kg

Bauzeit

1985 – 1991

Stückzahl

13.996

Beschleunigung null auf 100 km/h

8,3 s

Höchstgeschwindigkeit

220 km/h

Verbrauch auf 100 km

15,4 l S

Grundpreis (Jahr)

86.868 Mark (1990)