Vergleich

Mercedes 250 SE trifft 300 SEL 6.3: Unters Blech geschaut

Heckflossen waren Mitte der 60er-Jahre bei den großen Mercedes passé. Langeweile kam trotzdem nicht auf: Dafür sorgte schon das Topmodell des 300 SEL mit seinem gewaltigen 6,3-l-V8. Was unterscheidet ihn – abgesehen von der Leistung – vom deutlich günstigeren 250 SE?

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Mercedes 300 SEL 6.3 und 250 SE fahrend von vorne.
Beim Blick unter das Blech offenbaren sich die wahren Unterschiede zwischen dem Basismodell Mercedes 250 SE und der Top-Version 300 SEL 6.3. Foto: Mercedes
Der Mercedes 250 SE fahrend seitlich.
Der 250 SE bot für 16.850 Mark im Prinzip schon damals alles, was man von einem Mercedes erwartete. Foto: Zbigniew Mazar
Das Cockpit des Mercedes 250 SE.
Von Bescheidenheit kaum eine Spur: Schon der 250 SE ist üppig aus gestattet. Foto: Zbigniew Mazar
Die Sitze des Mercedes 250 SE.
Im Gegensatz zum 300 SEL 6.3 gab es den SE ab Werk mit einem manuellen Viergang-Getriebe samt filigranem Schalthebel auf dem Mitteltunnel. Foto: Zbigniew Mazar
Der Motor des Mercedes 250 SE.
Die 2,5 l großen Reihensechszylinder basierten auf dem 2,2-l-Motor des Vorgängers. Foto: Zbigniew Mazar
Das Fahrwerk des Mercedes 250 SE.
Links: Der W108 setzt auf eine konventionelle Eingelenk-Pendelachse. Eine hydropneumatische Ausgleichsfeder hält das Auto in der Waage. Rechts: Die vordere Doppelquerlenker-Achse des 250 SE mit Kugelumlauflenkung entsprach weitgehend dem Prinzip des Vorgängermodells (W111). Foto: Zbigniew Mazar
Mercedes 300 SEL 6.3 und 250 SE stehend von hinten.
Finde die Unterschiede: Nur auf den zweiten Blick offenbaren sich die optischen Details, die 300 SEL 6.3 und 250 SE voneinander abgrenzen. Foto: Zbigniew Mazar
Der Mercedes 300 SEL 6.3 fahrend seitlich.
Seine gewaltige Kraft sieht man dem einst 39.160 Mark teuren 300 SEL 6.3 kaum an. Foto: Zbigniew Mazar
Das Cockpit des Mercedes 300 SEL 6.3.
Upgrade: Im 300 SEL gibt es, etwa in den Türverkleidungen, ein bisschen mehr Holz. Die zusätzlichen Luftauslässe unter dem Armaturenbrett gehören ebenso wie die Bedienelemente dazwischen zur Klimaanlage. Foto: Zbigniew Mazar
Die Sitze des Mercedes 300 SEL 6.3.
Die „Hasenohren“-Kopfstützen schützen den Nacken beim Kickdown. Foto: Zbigniew Mazar
Der Motor des Mercedes 300 SEL 6.3.
Der 6,3-l-Achtzylinder trieb mit einem etwas anderen Riementrieb auch den Mercedes 600 an. Foto: Zbigniew Mazar
Das Fahrwerk des Mercedes 300 SEL 6.3.
Links: Federbalg und Luftkammer bilden die Luftfederelemente. Im Gegensatz zu herkömmlichen Stahlfedern ist ihre Kennlinie progressiv. Oben: Das Reglerventil der Luftfederung lieferte Bosch zu. Heute ist es nur noch gebraucht respektive überholt zu bekommen. Unten: Das Niveauregelventil ist mechanisch mit der Hinterachse verbunden und reguliert den Druck in den Federeinheiten bei Be- und Entlastung. Foto: Zbigniew Mazar
Mercedes 250 SE und 300 SEL 6.3 stehend von vorne.
Heimspiel: Mercedes 250 SE und 300 SEL 6.3 vor dem Mercedes Classic-Center in Fellbach. Foto: Zbigniew Mazar

Technik-Vergleich zwischen Standardware und Highend: Mercedes 250 SE trifft 300 SEL 6.3

Von einer neuen Sachlichkeit zu sprechen, fällt angesichts des großen, markentypischen Kühlers und der üppigen Chrom-Stoßstangen schwer. Doch die neue Generation der Stuttgarter Oberklasse war deutlich moderner geworden und das Portfolio breit gestreut. Die offensichtlichen Unterschiede zwischen Mercedes 250 SE und 300 SEL 6.3 sind daher recht schnell aufgezählt: Der 6.3 steht auf breiteren Reifen, mit Halogen-Doppelscheinwerfern und zusätzlichen Weitstrahlern leuchtet er sich die Fahrbahn aus.

Dass er zudem zehn Zentimeter länger ist als der 250 SE, verrät das „L“ in der Typbezeichnung, mit dem Mercedes schon immer die Langversionen seiner Limousinen adelte. Natürlich gab es auch einen regulären 300 SE – dann aber nur mit dem der Nomenklatur entsprechenden 3,0-l-Reihensechszylinder und ohne die für das Top-Modell typische Luftfederung.

Denn mit dem „L“ bekam der 300er Länge, Luft und Luxus: Es gab nicht nur mehr Beinfreiheit im Inneren, sondern auch eine gehobene Ausstattung und das komfortablere Fahrwerk. Aufgrund der immensen Unterschiede zur Baureihe 108 erhielt „der Große“ dann auch seinen eigenen Werkscode: 109.

Im Jahr 1967 stellte Mercedes den 300 SEL mit dem 6,3-l-Motor vor, ein 3.5er und ein 4.5er folgten 1969 respektive 1971. Das Topmodell beantwortete eine Frage, die noch niemand gestellt hatte: Wie stark darf eine Familienkutsche sein? Und lässt sich diese Leistung wirklich mit einem als komfortabel geltenden Luftfahrwerk kombinieren?

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Video: AUTO ZEITUNG

Bei der Wucht des 6.3ers bleibt einem schonmal die Luft weg – nur der Federung nicht

Eine kurze Ausfahrt zeigt, wie gewaltig der Motor zur Sache kommt: 500 Nm wirken auf den Wandler des serienmäßigen Automatik-Getriebes ein. Hoffentlich ist der nicht so filigran gebaut wie der zierliche Wählhebel. Die 250 PS (184 kW) geben dem Auto nur einen kurzen Moment zum Durchschnaufen, bevor sich der senkrecht stehende Kühler in den immer stärker werdenden Fahrtwind stemmt.

Schlappe 6,5 s vergehen bis zum Erreichen der 100-km/h-Marke. Wer es darauf anlegt, wuchtet den 1,8-Tonner bis auf 220 km/h. Gut, Fahrende eines modernen SUV werden darüber schmunzeln, doch 1967 reichten diese Eckdaten, um Porsche-911-Fahrende blass werden zu lassen. Sehen wir uns den 250 SE aus unserem Vergleich an: Dessen 2,5-l-Motor stellt immerhin 150 PS (110 kW) zur Verfügung, die das 300 kg leichtere Auto in 11,8 s auf 100 km/h wuchten. Schluss ist in diesem Fall bei ebenfalls noch respektablen 190 km/h.

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Mercedes-Werbung 1965

Dass die Oberklasse-Limousinen aus dem Hause Mercedes damals der Maßstab für andere waren, ist dem 250 SE auch heute noch in vielen Details anzumerken. Umso erstaunlicher, mit welcher Leichtigkeit sein großer Bruder noch eine Schippe draufzulegen scheint. Aber wie macht er das? Die Antwort gibt es auf der Hebebühne des Mercedes Classic-Centers.

Mercedes-Experte Matthias Chwal, in Fellbach vor allem der Ansprechpartner für den Mercedes 600, stellt dann auch schnell den Bezug zum einstigen Repräsentationsfahrzeug her: Der Motor des 300 SEL 6.3 kommt auch im 600er zum Einsatz, die Komforthydraulik – etwa für die Sitzeinstellung oder die Fensterheber – entfiel. Das Luftfeder-System ist im Prinzip ähnlich aufgebaut, auf die ein oder andere Komfort-Option wurde allerdings auch hier verzichtet. Aber warum muss es überhaupt eine Luftfederung sein?

Die Luftfederung bietet Komfort und Sicherheit

Ganz einfach: Ein konventionelles Stahlfahrwerk ist immer eine Kompromisslösung. Es ist auf eine bestimmte Belastung des Fahrzeugs ausgelegt, um optimal zu funktionieren. Weicht diese Belastung ab, verhält sich das Auto ganz anders – man denke etwa an die „Bocksprünge“ leerer, blattgefederter Fahrzeuge oder eben an das tief eintauchende Heck bei vollbeladenem Kofferraum.

Eine Luftfederung kann das ausgleichen, da ihre Kennlinie progressiv ist: Um den gewünschten Komfort im unbelasteten Zustand bieten zu können, federt sie relativ weich ein. Nimmt die Belastung zu, wird sie steifer – was aber nicht bedeutet, dass der Fahrkomfort dadurch „härter“ wird. Das erhöhte Fahrzeuggewicht sorgt für das entsprechende Eintauchen, dem der Federbalg entgegenwirkt.

Außerdem wird so die Fahrzeughöhe erhalten, das Auto geht nicht „in die Knie“. Die Luft für das System wird über den vom Motor angetriebenen Luftpresser erzeugt und gelangt von dort zunächst in den Vorratsbehälter. Kern des Systems sind die mit den Achsen verbundenen Niveauregelventile, die auf die Fahrzeug-Bewegungen reagieren: Bei Belastung lassen sie die Luft in die Federelemente einströmen, bei Entlastung wieder ausströmen. Um dies regeln zu können, sind sie mechanisch mit den Achsen verbunden und können so auf deren Bewegungen und da mit auf Änderungen der Niveaulage reagieren.

Das gilt natürlich nicht nur bei Fahrbahnstößen oder unterschiedlicher Beladung, sondern auch bei Kurvenfahrt – genau hier lag lange Zeit der Hase im Pfeffer: Frühe Luftfederungen vertrugen keine schnellen Richtungswechsel. Das System wirkte der Belastung der kurvenäußeren Räder entgegen, das Auto fuhr quasi „schräg“ in die nächste Kurve, bis sich die Luft wieder reguliert hatte. Abhilfe schafft beim W109 das zusätzliche Hauptregelventil. Es sorgt dafür, dass der Druck an den beiden Ventilen der Vorderachse immer gleich ist (zehn bar). Das hintere Ventil ist mittig angebracht.

Auch der 250 SE kann Komfort

Dadurch sind die Ansprechzeiten der vorderen Ventile gleich – der linke Federbalg ist genauso schnell versorgt wie der rechte. Während der belastete kurvenäußere Federbalg mit höherem Druck beaufschlagt wird, würde der kurveninnere unbelastete Federbalg den Druck theoretisch fast völlig abbauen. Ein Druckhalteventil wirkt dem mit drei bar entgegen, um eine schnelleren Druckaufbau bei Belastung zu ermöglichen. Das Fahrwerk spricht also deutlich schneller an. Bei einem Radwechsel lässt sich das Hauptregelventil komplett sperren, um diese Regelung bei aufgebocktem Auto zu verhindern.

Zurück zum 250 SE: Hier hält eine hydropneumatische Ausgleichsfeder an der Hinterachse das Niveau des Aufbaus unabhängig von der Beladung konstant. Auch das war schon eine deutliche Verbesserung gegenüber der vorherigen Baureihe. Fahrdynamisch ist der 300 SEL 6.3 seinem durchaus komfortablen Bruder natürlich in allen Lagen überlegen. Aber am Ende ist Luxus eben doch eine Frage des Preises – damals wie heute...

Fazit

Die Funktionsweise der Luftfederung klingt zunächst einmal ziemlich kompliziert – wenn man sich nicht wie unser Experte Matthias Chwal (Danke für die geduldige Erklärung!) täglich damit befasst. Umso erstaunlicher ist es, wie angenehm unauffällig ein gut gewartetes System agiert. Genau darin liegt die Krux: Wer das Potenzial des 300 SEL 6.3 voll ausschöpfen möchte, sollte ihm die erforderliche Zuwendung auch gönnen. „Reinsetzen und losfahren“ ist eher etwas für den zudem noch deutlich günstigeren 250 SE. Das gute, alte Mercedes-Vergnügen bieten sie beide.

Technische Daten von Mercedes 250 SE und 300 SEL 6.3

Classic Cars 03/2026

Mercedes 250 SE

Mercedes 300 SEL 6.3

Zylinder / Ventile pro Zylin.

6 / 2

8 / 2

Hubraum

2496 cm³

6332 cm³

Leistung

110 kW/150 PS bei 5500 U/min

184 kW/250 PS bei 4000 U/min

Max. Gesamtdrehmoment bei

215 Nm bei 4200 U/min

500 Nm bei 2800 U/min

Getriebe / Antrieb

4-Gang-Getriebe / Hinterrad

4-Stufen-Automatik / Hinterrad

L / B / H

4900 / 1810 / 1440 mm

5000 / 1810 / 1420 mm

Leergewicht

1480 kg

1780 kg

Bauzeit

1965 – 1968

1967 – 1972

Stückzahl

55.181

6526

Beschleunigung null auf 100 km/h

11,8 s (Werksangaben)

6,5 s (Werksangaben)

Höchstgeschwindigkeit

190 km/h (Werksangaben)

220 km/h (Werksangaben)

Verbrauch auf 100 km

11,7 l S (Werksangaben)

15,5 l S (Werksangaben)

Grundpreis (Jahr)

16.850 Mark (1965)

39.160 Mark (1968)