Mercedes 230 E (W124): Der perfekte Einstiegs-Oldtimer
Kleines Geld, großer Spaß: Die Preisklasse bis 5000 Euro hält eine riesige Auswahl feiner Klassiker bereit – keine Baracken, sondern Autos zum Einsteigen und Losfahren. Einer davon: der Mercedes 230 E (W124).
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Mercedes 230 E: Faltenfreies Design für unter 5000 €
Mittlerweile ist sie über 30, ohne richtig gestrig zu wirken, die E-Klasse mit ihren seitlichen Sacco-Brettern. Das liegt an ihrem faltenfreien Design und sicher auch daran, dass sie nie ganz aus dem Straßenbild verschwunden ist. Erst das Blättern im Prospekt des früheren Neuwagens zeigt, dass der Millionen-Benz längst zu den Klassikern gehört. Er stammt aus einer Zeit, als sich Mercedes-Werbetexte lasen wie Schriftsätze des Philosophischen Seminars. Es beginnt auf Seite 2 mit dem Hinweis auf die „persönliche Erfahrungsbereicherung“ durch eine Probefahrt. Und es endet längst noch nicht mit der Betrachtung von „Dingen, die Fragen nach Sinn und Wert beantworten“ können: „Denn wer sich selbst fordert, darf auch Ansprüche stellen.“
Den wahren Wert der Dinge haben die vergangenen Jahrzehnte geklärt: Es sind so viele gute Exemplare des W124 übrig geblieben, dass der günstige Einstieg bis heute leicht fällt. Wer sich seinen klassischen Mercedes nach der Farbe und Ausstattung aussuchen will, braucht nur etwas Geduld, aber nicht zwingend mehr als 5000 Euro. Kai-Manfred Dersch aus Nürnberg fand seinen 230 E im typischen Vorstandslimousinen-Farbton „Dunkelblau 904“ mehr durch Zufall, er musste dafür nur 2200 Euro bezahlen.
Der Zweithand-230er hatte erst knapp über 110.000 km zurückgelegt, doch er galt unter Youngtimer-Fans als schwer vermittelbar, weil der Erstbesitzer, ein Mercedes-Jahreswagenbesteller, an zwei gesuchten Ausstattungsdetails gespart hatte. Das elektrische Schiebedach für deftige 2114,70 Mark kreuzte er zwar noch an, sparte sich dann aber 456 Mark fürs getönte Glas und 906 Mark für die eigentlich obligatorische Fünfgang-Schaltung.
Der Mercedes 560 SEC im Fahrbericht (Video)

W124: Die erste E-Klasse mit Serien-Tieferlegung
Nun stellte eine Oberklasse-Limousine mit Viergang-Getriebe schon vor 30 Jahren sehr spezielle Fragen nach Sinn und Wert. Heute, als gefestigter Klassiker, wirkt die Kombination eher als Zeitdokument von der Skurrilität der Lederkrawatten und Carlo-Colucci-Pullunder, mit denen viele Erstbesitzer:innen von 1989 gerne in ihren 230er stiegen. Das konnte schon ein straff abgestimmter W124 Sportline sein, Mercedes hatte ihn im September auf der IAA gezeigt. Es war die erste E-Klasse mit serienmäßiger Fahrwerks-Tieferlegung. Die AUTO ZEITUNG beschwerte sich im ersten Test über die nervende Stuckerneigung der Vorderachse.
Viele Kund:innen nahmen nicht das Sportpaket, aber die Karopolster, die es auch ohne harte Federn gab. Sie machten das staatstragende Auto einen Hauch jugendlicher, nachdem die jüngste Modellpflege eher die klassischen Mercedes-Werte betont hatte: Neben den Sacco-Brettern an der Seite gab es außen wieder mehr Glanzteile und innen mehr Holz, an den Türtafeln beispielsweise. Viele Mercedes-Käufer:innen hatten die erste, 1984 präsentierte W124-Version zu sachlich gefunden – jetzt freuten sie sich an hämatitfarben eloxierten Fensterleisten und den Kunststoff-Radkappen mit feinem Chromrand.
Heute ist es gerade die schöne Schlichtheit, die Mercedes-Fans an der Limousine lieben. Ein klassischer Farbton wie das damals aufpreisfreie Dunkelblau und eine maßvolle Ausstattung unterstreichen sie auf subtile Weise. So ein vierzylindriger 230 E ist heute weder selten noch teuer, doch er begeistert mit dem Funktionsschliff eines Bauhaus-Möbelklassikers. Es gibt zwar nur Fensterkurbeln, so karg waren die Zeiten, aber immer eine Öldruck-Anzeige, für die Mercedes kein Aufgeld nahm. Mit den Extras fehlen die Knöpfe, auch das ist kein Makel – nur vier Kippschalter finden sich im Cockpit dieses Oberklasse-Autos, dazu drei Knebelknöpfe für Lüftung und Licht. Die Braun-Atelier-Stereoanlage im Wohnzimmer des Erstbesitzers stellte höhere Bedienungsansprüche als der 230er in der Hofeinfahrt.
Auch ein karg ausgestatter W124 ist Kult
Kai-Manfred Dersch hat seinen 230 E nur kurz im Alltag gefahren und dann weggestellt, aber wirklich nötig gewesen wäre das nicht. Sicher, das Weichgummi-Schaltgefühl wirkt für heutige Begriffe so irritierend wie das Fehlen des fünften Gangs, doch sonst gibt es nicht vieles, was Umsteigende vermissen könnten. Die große Luke des elektrischen Schiebedachs tröstet über die Abwesenheit einer Klimaanlage hinweg.
Der kultivierte 132-PS-Vierzylinder (97 kW) reicht für die Langstrecke – ein hohes Dauertempo ist machbar, auch wenn er nicht wirklich freudvoll über 4000 Touren dreht. Handlich wirkt der große Wagen und noch immer sagenhaft komfortabel. Wer ihn entspannt vor sich hinsummen lässt, kommt mit neun Litern Super auf 100 km klar. Und fast alle 230 E tragen heute einen nachgerüsteten Kaltlaufregler im Motorraum, der die Einstufung in die Schadstoffklasse Euro 2 brachte. Das H-Kennzeichen wird sich für sie steuerlich nicht rentieren.

Ein letzter Blick in den alten Mercedes-Prospekt. Der lag lange im Keller und riecht auch so, stellt aber auf Seite 28 eine immer noch aktuelle Frage: „Wer bietet mehr als den optimalen Gegenwert?“ Es gibt nicht viele junge Klassiker, die das so gut beantworten können wie ein karg ausgestatteter, aber gut gepflegter 230 E.
Fazit
Es muss nicht immer Topmotorisierung und Vollausstattung sein: So ein ganz normaler, sparsam eingerichteter 230 E erzählt viel mehr vom gutbürgerlichen Lebensgefühl seiner Zeit. „Genug ist besser als zu viel“, säuselt er. Jetzt ist es an der Zeit, sich ein schönes Exemplar zu sichern.
Technische Daten des Mercedes 230 E (W124)
Classic Cars 08/2019 | Mercedes 230 E |
|---|---|
Zylinder/Ventile pro Zylin. | 4/2 |
Hubraum | 2298 cm³ |
Leistung | 97 kW/132 PS bei 5100 U/min |
Max. Gesamtdrehmoment bei | 198 Nm bei 3500 U/min |
Getriebe/Antrieb | 4-Gang-Getriebe/Hinterrad |
L/B/H | 4740/1740/1431 mm |
Leergewicht | 1330 kg |
Bauzeit | 1984 – 1992 |
Stückzahl | 374.422 |
Beschleunigung null auf 100 km/h | 10,6 s |
Höchstgeschwindigkeit | 200 km/h |
Verbrauch auf 100 km | 11,7 l S |
Grundpreis (Jahr) | 46.170 Mark (1990) |


















