Vorstellung

Mercedes 190 5.0 V8: Der stärkste Baby-Benz kam von Schulz

Mit dem 190 5.0 V8 setzte Schulz Tuning Anfang der 80er ein 240 PS starkes Leistungsstatement, das Mercedes und AMG selbst zehn Jahre später nicht überboten. Hinter der SEC-Front des Baby-Benz rumort der Achtzylinder aus dem 450 SLC 5.0!

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Der Mercedes 190 5.0 V8 Schulz Tuning stehend von vorne.
Der Frankenstein-Benz: Beim Mercedes 190 5.0 V8 von Schulz Tuning handelte es sich um einen Baby-Benz mit S-Klasse-Coupé-Front und Achtzylinder aus dem 450 SLC 5.0. Foto: Dorotheum
Der Mercedes 190 5.0 V8 Schulz Tuning stehend von hinten.
Mit 240 PS (177 kW) überflügelte die Kleinserie sogar die späteren Evo- und AMG-Modelle. Foto: Dorotheum
Das Cockpit des Mercedes 190 5.0 V8 Schulz Tuning.
Passend zur Wucht unter der Motorhaube installierte der Tuner vom Niederrhein ein Sportlenkrad sowie einen 300-km/h-Tacho. Foto: Dorotheum
Der Innenraum des Mercedes 190 5.0 V8 Schulz Tuning.
Für die Kraftübertragung sorgte wahlweise ein Handschalter oder eine Automatik. Foto: Dorotheum
Die Sitze des Mercedes 190 5.0 V8 Schulz Tuning.
Die Sitzstoffe kamen nachträglich aufs Sport-Gestühl und stammen vom R129er-SL. Foto: Dorotheum
Der Motor des Mercedes 190 5.0 V8 Schulz Tuning.
Damit der Fünfliter unter die Haube passte, schnitt Schulz den Gabelträger einfach ab – mit ungewissem Ausgang bei Frontalaufprällen. Foto: Dorotheum

Mercedes wollte keinen Sechszylinder in den 190er bauen, dann kam Schulz Tuning mit dem V8

Anfang der 1980er gab es nur wenige Dinge, die verkopfter durchsortiert waren als die Modellpalette von Mercedes. Da man in Stuttgart noch nicht auf die Idee der Klassen-Aufteilung in C-, E- und S-Klasse gekommen war – die folgte erst in den 90ern –, mussten vorrangig Hubraum-Ziffern wie 280, 350 oder 500 als Basis für die Modellnamen herhalten.

Das funktionierte so lange gut, bis die Motoren der höheren Klassen irgendwann auch in den kleineren Modellen Einzug hielten. Plötzlich gabs beispielsweise den 300 SEL 6.3 oder auch den 240 D 3.0. Dann folgte 1982 der 190er, der in keiner einzigen Variante tatsächlich 1,9 l Hubraum besaß. Worin man sich bei Daimler aber einig war: Der W201er sollte ausschließlich als Vierzylinder verkauft werden. Doch dann kam ein gewisser Erich Schulz ins Spiel.

Der Mann vom Niederrhein hatte sich mit seiner Firma Schulz Tuning auf den Umbau von Mercedes-Modellen spezialisiert und kurz nach dem Debüt des Baby-Benz Stuttgart mit dem Einbau des Sechszylinders aus einem W123er brüskiert. Großer Motor im kleinen 190er? Ging also doch. Und in den Hallen von Schulz ging sogar noch mehr, wie der wenig später vorgestellte Mercedes 190 5.0 V8 bewies.

Den Achtzylinder borgte sich der Tuner aus dem 450 SLC 5.0, womit plötzlich 240 PS (177 kW) in der Mittelklasse wüteten. In jener Zeit kam der stärkste 190er ab Werk, der 2.3er 16-Ventiler, auf maximal 185 PS (136 kW). Dass der Platz unter der Haube dann doch endlich war, bewies der zugunsten der Auspuffrohre gekürzte Gabelträger.

Der Mercedes 560 SEC von Bruno Sacco im Fahrbericht (Video)

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Video: AUTO ZEITUNG

Im Mercedes 190 V8 5.0 von Schulz Tuning treffen 240 PS auf Serien-Bremsen

Die Kraftübertragung übernahm wahlweise ein Viergang-Getriebe oder eine Automatik, die Kupplung stammte bei Ersterem aus dem 350 SE. Mit der Wucht von 404 Nm Drehmoment beschleunigte das Schulz-Mobil in 6,4 s von 0 auf 100 km/h. Der Tacho reichte bis 300 Sachen, auch wenn mehr als 260 km/h nur wenig realistisch erscheinen.

Fakt ist: Der düster grummelnde Baby-Benz war kaum zu stoppen, was nicht zuletzt auch an seiner Bremsanlage lag. Erich Schulz hatte sich nämlich gegen die innenbelüfteten Scheiben aus dem Vierventiler entschieden und stattdessen auf die Standardware des 190ers gesetzt.

Im Innenraum wurde hingegen nicht gespart. Dort gabs holzvertäfelte Oberflächen, ein kleines aber feines Sportlenkrad sowie im Falle des Fotoautos Sportsitze, die nachträglich mit Stoff aus dem SL R129 bezogen wurden. Optisches Highlight von außen ist natürlich die C126er-Front, die analog zum Motor gegen die klar gegliederte Mercedes-Hackordnung rebelliert. Aber auch die AMG-Fünfspeichen-Felgen deuten auf das längsdynamische Potenzial des 190ers hin.

Wer wollte, konnte bei Schulz Tuning mehr als 80.000 Mark für den ganz persönlichen Traum-Baby-Benz hinblättern. Ein Standard-190er kostete zu dieser Zeit 25 Riesen und der 2.3-16 immer noch unter 50. Da verwundert es nicht unbedingt, dass die Firma, die heute übrigens wieder existiert, nur 26 Exemplare des 190 5.0 V8 fertigte. Während die schwächeren Evo-Modelle heute längst sechsstellig kosten, war das hier gezeigte Fahrzeug ein echter Schnapper: Auf einer 2022er-Dorotheum-Auktion in Salzburg (Österreich) fiel der Hammer für das etwas Standschäden-geplagte Exemplar bei 33.350 Euro.

Fazit

Wie auch mit dem 190 City war Schulz Tuning mit dem Mercedes 190 5.0 V8 seiner Zeit voraus. Die Mercedes-Kundschaft war in den 80ern noch eher hungrig auf Prestige denn auf Leistung. Und wenn doch, dann auf einem Niveau weit oberhalb des Baby-Benz, wie die AMG-Varianten in der Ober- und Luxusklasse bewiesen. Es sollte noch acht Jahre dauern, bis sich der Benz-Tuner aus Affalterbach dem 190er widmete. Mittlerweile hat sich der V8 in der C-Klasse so stark etabliert, dass Fans ihn in der jüngsten Generation mit Vierzylinder schmerzlich vermissen.

Quellen

  • Schulz Tuning

  • Dorotheum