Wohnwagen-Vorstellung

Alter Falter: Der Faltcaravan FaWoBoo (1962) verblüfft noch heute

Ein Faltwohnwagen, dessen Polyester-Dach man als Boot verwenden kann? Was klingt wie ein schräger Techniktraum, wurde von 1958 bis 1964 Realität. Da produzierte der kleine Handwerksbetrieb Hartmann aus dem westfälischen Warendorf den sogenannten FaWoBoo.

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Der Hartmann-Faltcaravan FaWoBo (1962) auf einer Ausstellungsfläche im Erwin Hymer Museum.
Kein „Ei“ wie jedes andere: Der Hartmann-Faltcaravan FaWoBoo hat zwar nur eine Aufbaulänge von 3,78 m, setzte aber Maßstäbe in Sachen innovativer Aufbautechnik und Raumaufteilung. Hier im Bild: die finale Modellgeneration von 1962. Foto: Erwin Hymer Museum
Der Faltcaravan FaWoBoo steht geparkt am Straßenrand.
Bis heute ist der Hartmann-Faltcaravan FaWoBoo ein echter Hingucker im Straßenbild. Foto: klappcaravanforum.de
Der Faltcaravan FaWoBoo (1964)
Clevere Terrassenlösung: Durch einfaches Wegklappen der Seitenwand entsteht im Handumdrehen eine „Instant-Veranda“, die ein wenig an einen modernen Imbisswagen erinnert. Foto: Hartmann/Erwin Hymer Museum
Zwei Frauen sitzen in der Sitzgruppe im Faltcaravan FaWoBoo (1962).
Clever ging es auch damals schon beim Campen zu. Der Multifunktionstisch in der Sitzgruppe des FaWoBoo aus dem Münsterland machts möglich. Foto: Hartmann/Erwin Hymer Museum
Die Sitzgruppe im Hartmann-Faltcaravan FaWoBo (1962).
Beisammen gesessen wird ansonsten im Hartmann-Faltcaravan FaWoBo auf einer Doppelsitzbank mit 15 cm dicker Schaumstoff-Auflage. Angeblich sollen hier bis zu acht Personen Platz finden. Foto: Hartmann/Erwin Hymer Museum
Die zum Bett ausgebaute Sitzgruppe im Hartmann-Faltcaravan FaWoBo (1962).
Mit etwas Auszieharbeit wurde auch damals schon aus der Sitzgruppe ein Schlafzimmer mit einer durchgängigen Liegefläche von 1,80 x 1,95 m. Foto: Hartmann/Erwin Hymer Museum
Drei  Menschen sitzen im zum Boot umfunktionierten Dach des FaWoBoo.
Unangefochtener Clou des innovativen Hartmann-Caravan ist aber zweifellos, dass man das Polyester-Dach als Boot mit Außenborder-Motor benutzen kann. Diese drei Herrschaften haben jedenfalls sichtlich Spaß bei der Probefahrt auf dem Baggersee. Foto: Hartmann/Erwin Hymer Museum
Der FaWoBoo (1962) hängt transportfertig an der Anhängerkupplung eines Zugfahrzeugs.
Nach getaner Arbeit auf dem Wasser wird der FaWoBoo handlich zusammengefaltet und kommt wieder an den Hänger des Zugfahrzeugs. Foto: Hartmann/Erwin Hymer Museum

Preis: FaWoBoo ab 6580 D-Mark

Die besten Ideen entstehen meist in der vermeintlichen Provinz. Der erste Skilift nach dem Schleppliftprinzip zum Beispiel erblickte 1908 in Schollach im tiefsten Hochschwarzwald das Licht der Winterwelt. Oder der Hartmann Falt-Wohnwagen, dessen Polyesterdach bei Bedarf auch abgenommen und als Boot verwendet werden kann. Er wurde von Josef Hartmann aus Warendorf im Münsterland im Jahre 1958 in der finalen Serienversion auf die Räder gestellt. Aufgrund seiner vielseitigen Verwendbarkeit wurde das Gefährt von seinem Erfinder damals kurzerhand FaWoBoo („Fahren. Wohnen. Bootfahren.“) getauft.

Ein innovatives Wohnwagen-Konzept, das schon damals seinen Preis hatte: Der Kaufpreis betrug für damalige Verhältnisse stolze 6580 D-Mark für die Basisversion des Camping-Gefährts, dessen Leergewicht aus heutiger Sicht geringfügige 450 kg betrug. Das Ende der Aufpreisliste war auch damals schon nach oben so gut wie offen. Allein das mehr 15 kg schwere Vorzelt etwa kostete noch einmal 390 D-Mark. Von Extras wie dem optional erhältlichen 125-ccm-Außenbordmotor für den Bootsbetrieb ganz zu schweigen.

Mit diesem unkonventionellen Konzept ist der vom Hersteller auch kurz „Falter“ (plus dem Zahlenzusatz „I bis V“ für die jeweilige Modellgeneration) genannte FaWoBoo ein absoluter Hingucker, der einen unwillkürlich fragen lässt: Warum nicht heute noch so? Wir haben uns das faltbare Camping-Gefährt von Hartmann genauer angeschaut.

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Aufbau: Faltbar, frei nach dem Klappdach-Prinzip

„Sie fürchten das Anhängerfahren? Diese Furcht ist unbegründet (beim FaWoBoo 64, versteht sich)“, heißt es etwa in einem Prospekt aus den 1960er-Jahren, der unserer Redaktion vorliegt und den FaWoBoo in einer maßstabsgetreuen Zeichnung am Haken eines VW Käfers und im Prospektfoto an der Anhängerkupplung eines eines historischen Mercedes-Modells zeigt. „Denn seine Fahrhöhe ist nur 1,16 m. Und größer als Ihr Pkw ist er auch nicht“.

Der FaWoBoo (1962) an einem Mercedes-Zugfahrzeug
Foto: Hartmann/Erwin Hymer Museum

Was nicht bedeuten soll, dass man als Normalwüchsige:r nicht bequem aufrecht im FaWoBoo stehen könnte. Denn die Stehhöhe im Falter beträgt 1,95 m. Ein Wert, von dem Besitzer:innen so manchen modernen Campervan, die heutzutage 50.000 Euro aufwärts kosten, nur träumen können. Möglich macht es das ausgeklügelte Faltprinzip. Dieses ermöglicht das, was sein Erfinder „die erstaunliche Verwandlung auf dem Campingplatz“ nannte. Die zehn schönsten Campingplätze unserer Tage haben wir übrigens hier zusammengestellt.

So klappt das Zusammenfalten für den Fahrbetrieb

Und die Verwandlung geht so: Das Dach des Falter-Wohnwagens, das aus Polyester in Verbundbauweise besteht, wird angehoben. Dann werden die aus Aluminium bestehende Stirnwände aufgerichtet. Sind beide Wände an den Stirnseiten in aufrechte Position gebracht, werden sie verriegelt. Eine Seitenwand kann zudem als Vordach hochgeklappt werden. Dann sieht der historische Wohnwagen aus den 60er-Jahren fast ein bisschen aus wie ein Imbisswagen unserer Tage.

Für den Fahrbetrieb lässt sich der FaWoBoo von Hartmann auf die eingangs bereits erwähnte Außenhöhe von 1,16 m „zusammenfalten“. „Auf- oder Abbau von Hand oder mit Kurbel – von einer Person in einer Minute,“ verspricht der Katalog. Die Vorteile die sich aus der, zumindest im zusammengeklappten Zustand, geringen Aufbauhöhe ergeben, liegen auf der Hand: „freie Sicht im Rückspiegel, geringe Angriffsfläche für Wind und Wetter“, heißt es im Prospekt. Bedeutetet im Fahrbetrieb: „keine Seitenwindgefahr, keine Behinderung der Fahreigenschaft.“

Innenraum: Platz für acht auf kleiner Grundfläche

Auch im Innenraum zeigt sich der Hartmann-Falter von seiner innovativen Seite: „Die ausgeklügelte, gemütliche Innenreinrichtung hat alles, was zu einem echten Wohnanhänger gehört“; heißt es im zeitgenössischen Prospekt. Und als besonderer technischer leckerbissen konnte im FaWoBoo gegen 350 DM Aufpreis eine Fußbodenheizung eingebaut werden. Eine technisch elegante Lösung, die schon in den 60er-Jahren in zahlreichen Wohnwagen aus deutscher Produktion üblich war und dem Camping-Boom der Nachkriegsjahre hinzufügte.

Sitzgruppe

Zwei Frauen sitzen in der Sitzgruppe im Innenraum des FaWoBoo-
Foto: Hartmann/Erwin Hymer Museum

Zum Inventar gehören Kühlbox, Läufer, Gardinen, Fußabtritt, Abstellschrank und Wassertank sowie Sitzgelegenheiten für acht (!) Personen, die „auf 12 cm dicken Schaumstoff“ der Eckbank-Auflage laut Hersteller „bequem Platz nehmen“ können. Dazu kommt ein Durchgang, der auch bei Vollbesetzung freibleibt. Alles da also, was man braucht zum großen Campingglück auf einer überschaubaren Grundfläche von 2,20 x 3,30 m.

Küche

Tatsächlich findet sich im FaWoBoo von 1964 vieles wieder, das uns aus heutigen Campern vertraut ist, oder zumindest auch heute noch eine gute Idee für einen modernen Wohnwagen-Aufbau wäre. Etwa der innen und außen verwendbare Multifunktionstisch. Sowie der zweiflammige Propangas-Kocher, der auch damals schon mit einer Glasabdeckung als Spritzschutz versehen war. Gespeist werden die Kocher aus zwei 5-kg-Gasflaschen, die im Deichselkasten unterkommen. Ein Prinzip, nach dem man heute noch Gasflaschen im Wohnwagen unterbringt.

Ebenfalls eine pfiffige Lösung: der Kleiderschrank in den Maßen 1,50 x 0,60 x 0,60 m (H/B/T), bei dem die Kleidungsstücke auch im Fahrbetrieb an den Bügeln hängenbleiben dürfen. „So sind sie auch währen der Fahrt vor Verschmutzung oder Verknitterung sicher“, heißt es.

Schlafplätze

Das gewählte Bettkonzept, von denen es je nach Camper-Bauart bis heute viele verschiedene gibt, lässt im Falter ebenfalls wenig Fragen offen. Campingfans der 60er-Jahre hatten beim Bettausbau die Wahl: Die Sitzgruppe mit freistehendem Tisch ergibt nach dem Umbauen für die Nacht zwei Längseinzelbetten oder aber ein Doppelbett mit einer durchgängigen Liegefläche von 1,80 x 1,95 m.

Daran schließt sich im hinteren Heckbereich ein Kinderbett im Format 0,35 x 1,20 m an. Außerdem gibt es ein zusätzliches Kojenbett mit einer Liegefläche von 0,70 x 1,80 m. Ergibt unterm Strich genug Schlafplätze für drei Erwachsene und ein mitreisendes Kleinkind.

Bootsbetrieb: Platz für drei im schwimmenden Polyesterdach

Der mit drei Personen besetzte Hartmann-Faltcaravan FaWoBoo von 1962 im Bootsbetrieb auf dem Wasser.
Foto: Hartmann/Erwin Hymer Museum

Wie der Name schon sagt, ist der FaWoBoo von Hartmann ein Amphibien-(Camping)-Fahrzeug im wahrsten Sinne des Wortes. In wenigen Hangriffen lässt sich das Polyesterdach des Wohnwagens zu einem robusten Boot mit ausgeprägter Kiellinie und geringem Tiefgang von 0,53 m umbauen. Als 3,75 m langes und 1,64 m breites Wasserfahrzeug bietet er bis zu drei Personen Platz und ist „durch die Verbundbauweise mit Styroporisolierung unsinkbar“. Das verspricht zumindest der Hersteller.

Die komplette Ruderausrüstung mit Querbank schlug mit 160 DM extra zu Buche und war, ebenso wie der bereits erwähnte Außenborder, über die Aufpreisliste bestellbar. Nur stark regnen durfte es während des Bootsausflugs nicht. In der Zeit auf dem Wasser, wenn das etatmäßige Wohnwagen-Dach als Boot herhalten musste, diente nämlich eine dünne Zeltplane aus Baumwolle zur Bedachung des Caravans.

Bauzeit und Modellhistorie

Wie viele Fahrzeuge die Firma Hartmann insgesamt gebaut hat, lässt sich nicht exakt beziffern. Das erste Modell, der Falter I, entstand 1954 als Prototyp aus Holz. Die darauffolgende Serienversion Falter II wurde zunächst mit einem Aufbau aus Holz auf einem Gitterrahmen gefertigt. Rund 20 Exemplare entstanden auf diese Weise. Bis 1958 wurde der Falter in verschiedenen Modellgenerationen etwa 130 Mal verkauft.

Von 1958 bis 1962 war der Falter V mit dem charakteristischen Polyester-Bootsdach im Programm. Ab 1963 begann zudem die Lizenzfertigung in Belgien. Aufgrund namensrechtlicher Vorgaben erfolgte 1962 die Umbenennung in FaWoBoo. Und heute? Ist der FaWoBoo, von dem laut Experten höchstens noch knapp ein Dutzend Exemplare erhalten sind und aktuell nur fünf bis sechs aktiv bewegt werden dürften, ein begehrtes Sammlerstück – und ein gern gesehener Gast auf Campingmessen und Oldtimertreffen aller Art.

Quellen