Ford RS200: Rasender Sierra-Mischmasch mit Mittelmotor
Der RS200 war Fords Antwort auf die Gruppe-B-Monster von Audi, Peugeot und Lancia. Doch kaum war die Rallye-Kategorie etabliert, schaffte sie die FIA wieder ab.
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Der Ford RS200 besaß Sierra-Karosserieteile und wurde von Reliant gefertigt
Das Leben kann schön sein, aber auch kurz. So wie im Fall der Gruppe B: Die Rallye-WM erlebte zu Beginn der 80er-Jahre einen Boom, die Werke engagierten sich, der Sport schien durch das neue technische Reglement der hinreißend spektakulären Gruppe-B-Monster verheißungsvoll und spannend. Ford wollte im turboflüsternden Orchester von Lancia Delta S4, Audi Sport Quattro, Peugeot 205 T16 und MG Metro R6 eifrig mitspielen.
Zunächst klappte aber gar nichts. Die Motorsport-Abteilung in Boreham dokterte an einer Variante um den Escort herum: Frustriert gab das Technikteam um Ford-Sportchef Stuart Turner das Projekt Escort 1700T wieder auf, doch der Vorstand drängte weiter auf ein direktes Match gegen andere Hersteller. Mit der nötigen Entschlusskraft wurde schließlich der RS200 geplant, der jene konstruktive Radikalität besaß, wie es die technisch ausufernde Gruppe B geradezu verlangte.
Formel-1- und Sportwagen-Technikguru Tony Southgate mischte bei der Konstruktion mit, John Wheeler oblag die weitere Realisierung des RS200. Die Karosse zeichnete das Ghia-Designstudio aus Turin, mit dem Ford traditionell verbandelt war. Und wo immer möglich, wurden Teile aus der Serie verwendet: Türen, Frontscheibe, Dach und Heckleuchten des RS200 stammten vom Ford Sierra, wobei die Karosse aus glasfaserverstärktem Kunststoff gefertigt wurde.
Der im Umgang mit Fiberglas versierte Kleinhersteller Reliant, ansonsten für seine skurrilen Kleinwagen mit nur drei Rädern bekannt, bekam die Auftragsproduktion der Kleinserie: 200 straßenzulassungstaugliche Exemplare mussten gebaut werden, um die Homologationsvorschriften der Automobil-Sportbehörde FISA zu erfüllen. Bei den Rennversionen wurde freilich Kevlar statt Fiberglas genutzt.
Mitfahrt im einzigartigen Ford Focus RS Turnier (Video)

Das 450-PS-Triebwerk war zu träge
Die Ford-Konstrukteur:innen waren in ihren Plänen völlig frei: Während bei der Konkurrenz auf Serienprodukte als Basis zurückgegriffen wurde, baute Ford ein Über-Auto fast ohne jeglichen Serienbezug. Der Zweiliter-Turbo-Vierzylinder, aus dem die bewährte Cosworth-Schmiede im Wettbewerbs-Trimm bis zu 450 PS (331 kW) kitzelte, wurde vor der Hinterachse längs eingebaut.
Block und Zylinderköpfe bestanden aus Aluminium, Kurbelwelle und Pleuel aus geschmiedetem Stahl, zwei obenliegende Nockenwellen bedienten die 16 Ventile. Dennoch erwies sich das Triebwerk im unteren Drehzahlbereich als zu träge, was sich auch in der Fahrbarkeit niederschlug. Die Straßenversion leistete mit Upgrades später rund 300 PS (221 kW).
Ein Fünfgang-Getriebe sorgte für den adäquaten Vortrieb, wobei der Antriebsstrang inmitten dreier Differentiale auch kompliziert war: Zwecks besserer Gewichtsverteilung wurde die geballte Leistung zunächst an das vorn positionierte Getriebe geliefert, bevor sie wieder an die Hinterräder geleitet wurde. Chassis-Experte Southgate spendierte dem RS200 doppelte Dreieckslenker für die Radaufhängungen und obendrein doppelte Dämpfer-Federelemente für jedes Rad.
Ex-Ford-Pilot Malcolm Wilson, der heute die Geschicke des Ford-Werksteams in der Rallye-WM leitet, erinnert sich: „Im Vergleich zum Audi Quattro, den ich zuvor gefahren bin, war der RS200 ein echtes Rallye-Auto mit unvergleichlichem Fahrwerk – perfekt für harte Bedingungen. Das Antriebskonzept war wie das Honeycomb-Chassis seiner Zeit voraus. Trotz des Mittelmotors war er aber nicht giftig zu fahren. Seine Schwachpunkte lagen im Getriebe – und im zu hohen Gewicht.“
Die Rallye-Karriere des RS200 war kurz und katastrophal
Erste Sonderprüfung der Rallye Portugal, dem dritten Lauf zur Rallye-WM 1986: Die Prüfungen waren gesäumt von zigtausend Schaulustigen. Sie ahnten nicht, in welcher Gefahr sie sich befanden. Der portugiesische Meister Joaquin Santos startete in einem dritten Werks-RS200. Nach rund vier Kilometern verlor Santos in einer Linkskurve die Kontrolle. Der eigentlich harmlose Ausrutscher traf die Menge am äußeren Rand der Kurve. Drei Zuschauer:innen waren sofort tot, weitere starben im Krankenhaus.
Santos’ Unfall bedeutete nicht, dass die Gruppe-B-Boliden unsicher sind. Aber er läutete ihr Ende ein. Zwei Monate später starb die Lancia-Besatzung Henry Toivonen/Sergio Cresto beim Lauf auf Korsika. Anschließend wurden die Gruppe-B-Boliden zum Saisonende verboten. Der Ford RS200 erlebte in seiner kurzen Karriere mit Grundel/Melander bei der Rallye Schweden im Februar auf Rang drei sein bestes Resultat. Die rund 20 gebauten Wettbewerbsautos verschwanden danach in nationalen Serien – oder im RallyCross: Dort holte der RS200 unter Martin Schanche 1991 den WM-Titel.



















