Vergleich

Fiat Punto GT vs. Opel Corsa GSi: Turbo gegen 16V-Power

Zwei kleine Fegerlein, die toben um den Block – ein Turbo-Boost, ein „Sechzehn-Vau“: Wer machte anno 1994 am meisten Bock? Die Freude am Fahren hat BMW nicht für sich gepachtet, auch zwei Etagen tiefer, im GTI-Lager, sind Genußmittel zu finden: Fiat Punto GT und Opel Corsa GSi 16V.

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Fiat Punto GT/Opel Corsa GSi 16V fahrend von schräg vorne fotografiert.
Mit der unverhohlenen Leistungsparole „GSi 16V“, die in fetten Lettern an der Front prangt, gibt der Power-Corsa ein klareres Bekenntnis ab als der Fiat Punto, denn mit einem „GT“ schmückt sich heutzutage jede x-beliebige Spoiler-Schranze. Foto: Jan-Hardy Sommer
Fiat Punto GT fahrend von vorne fotografiert.
Fiat Punto GT: Fahraktiv und ein bissiger 
Turbo-Motor – so funktioniert das „Prinzip GTI“. Foto: Jan-Hardy Sommer
Das Cockpit des Fiat Punto GT.
Punto: griffiges Lenkrad, kleiner Airbag, praktische Bedienung und gute Sitze. Foto: Jan-Hardy Sommer
Der Innenraum des Fiat Punto GT.
Fiat: Die beste Variabilität, Sitzflächen und -lehnen sind zudem asymmetrisch teil- und klappbar. Foto: Jan-Hardy Sommer
Der Motor des Fiat Punto GT.
Das Turbo-Triebwerk des Fiat kommt bei knapp 3000 Touren richtig zur Sache, nimmt aber nicht immer sauber das Gas an. Foto: Jan-Hardy Sommer
Opel Corsa GSi 16V fahrend von schräg vorne fotografiert.
Opel Corsa GSi: nicht ganz so beweglich wie sein Gegenspieler, aber sehr gutmütig. Foto: Jan-Hardy Sommer
Das Cockpit des Opel Corsa GSi 16V.
Corsa: klobiges Lenkrad, Fullsize-Airbag, durchschnittliche Bedienung. Foto: Jan-Hardy Sommer
Der Innenraum des Opel Corsa GSi 16V
Die Sitze des flotten Corsa sind top. Foto: Jan-Hardy Sommer
Der Motor des Opel Corsa GSi 16V.
Der Opel-Vierventiler hängt brillant am Gas und dreht bis in die Wolken, läuft aber sehr laut und entwickelt Dröhnfrequenzen. Foto: Jan-Hardy Sommer
Fiat Punto GT/Opel Corsa GSi 16V statisch von schräg hinten fotografiert.
Die Kehrseiten: bizarr wie der Fiat Punto oder trendy à la Opel Corsa? Das ist und bleibt Geschmackssache. Foto: Jan-Hardy Sommer

Volkssport anno 1994: Fiat Punto GT trifft Opel Corsa GSi 16V

Hohe Leistung, wenig Gewicht: Die Triebfeder, mit deren Spannung 1976 der Ur-Golf-GTI eine wahre Volkssport-Bewegung auslöste, ist erlahmt. Zumindest in der Kompaktklasse, in der heute andere Werte zählen: Platz, Komfort, Sicherheit – mithin Tugenden, die dem Streben nach einem günstigen Leistungsgewicht entgegenstehen, weil sie eben mit Gewichtszunahme einhergehen. Die Bewegung hat daher die Kleinwagen entdeckt. Jüngste Kreationen sind bei Opel und Fiat zu finden.

Der Abarth 500e (2022) im Fahrbericht (Video)

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Video: AUTO ZEITUNG

Turbo-Druck gegen 16V-Saugmotor

Mit der unverhohlenen Leistungsparole „GSi 16V“, die in fetten Lettern am Heck prangt, gibt der Power-Corsa ein klareres Bekenntnis ab als der Fiat Punto, denn mit einem „GT“ schmückt sich heutzutage jede x-beliebige Spoiler-Schranze. Auch im Design geht der Turiner Wucht-Zwerg den schwereren Weg: Sein nonkonformistisches Gewand mit hoher Gürtellinie, harschem Übergang zwischen Fronthaube und Seitenfensteransatz sowie den Rückleuchten-C-Säulen verlangt betrachterische Muße. Die Konturen des Corsa bedienen sich gängiger Ausdrucksformen: rundum rund, optisch leicht verdaulich und nett anzusehen auf den ersten Blick.

1,4 l Hubraum, Turboaufladung, Zweiventil-Technik, 133 PS (98 kW): Die spezifische Leistung des Punto-Motors von 96,9 PS/l ist rekordverdächtig – und beängstigend zugleich: Ob das Ding auf die Dauer hält? Die Corsa-Triebwerksdaten erwecken mehr Vertrauen: 1,6-l-Vierventiler, 109 PS (80 kW). Daraus resultiert eine spezifische Ausbeute von 68,2 PS pro Liter Hubraum – das ist ansehnlich, aber noch nicht aussagekräftig hinsichtlich der Fahrdynamik. Rechnet man die Gewichte mit ein, wird es deutlicher: 8,9 kg/PS Leistungsgewicht markiert der Corsa GSi, der Punto GT bringt es gar auf 7,3 kg/PS.

Opel Corsa GSi 16V fahrend von schräg vorne fotografiert.
Foto: Jan-Hardy Sommer

195 km/h Spitze im Corsa GSi 16V

Beschleunigung: Bei Anfahrdrehzahl 3000 kommt der Corsa am besten aus den Startlöchern. Der Punto muß auf 4200 Touren gepumpt werden, um optimalen Antriebsschlupf zu erzielen. Bis zum Anfahrwert (null bis 40 km/h) herrscht Gleichstand, dann rücken die hochgesetzten Punto-Rückleuchten ins zentrale Blickfeld des Corsa-Piloten. Bei Tempo 100 hat der Turbo-Fiat eine Sekunde gewonnen, bis zur 140-km/h-Marke ist der Vorsprung auf 3,7 s angewachsen. Die blitzschnellen Gangwechsel gehen dabei im schaltpräzisen Punto deutlich knackiger von der Hand, während die langen Hebelwege im Corsa Zehntelsekunden kosten. Mit 163,1 km/h bringt der kleine Opel schließlich den stehenden Kilometer hinter sich. Das italienische Glühwürmchen schwingt sich sogar zu 175 km/h auf.

„Der Punto GT ist wie ein Zehnkämpfer, der in neun Disziplinen klar dominiert – 
und vor der Ziellinie abbiegt, weil er dringend mal muß“
Michael Schmidt (AZ 06/94)

Ungeachtet der Differenzen sind beide sportschaureif. In der Elastizität läßt sich der drehmomentstarke 16V-Corsa um kaum mehr als drei Sekunden distanzieren, ehe er seine Geschwindigkeit von 60 auf 120 km/h verdoppelt hat. Aus dem Windschatten des flinken Italieners gerät das Rüsselsheimer Rennsemmelchen jedenfalls nicht. Erst bei freier Fahrt kann der Punto seinen Leistungsüberschuß in einen deutlichen Vorsprung umzumünzen: Während der Corsa das Werksversprechen für die Höchstgeschwindigkeit 195 km/h exakt einlöst, läuft der Punto mit 205 km/h um fünf km/h „zu schnell“. Dass er für seine Überlegenheit eine Art Schutzgebühr in Rechnung stellt, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Verbrauch: Der Fiat mimt den Ferrari

Stattdessen erfreuen wir uns am reifen Federungskomfort, mit dem der Punto Autobahnwellen aufarbeitet, und registrieren mit Wohlwollen die entspannte Sitzhaltung gegenüber Pedalerie und Schaltwerk, womit italienische Autos ihren Fahrer ansonsten weiß Gott nicht verwöhnen. Auch bei der Handhabung der Nebenfunktionen dominieren Logik und Nutzen: Punto, Punto, das könnte was werden mit uns beiden – komm, ich geb’ dir ’ne Runde Super aus. Reiche diesem Italiener den kleinen Finger, und er grapscht gleich nach der ganzen Hand. Bis sein Kameldurst endlich gestillt ist, hat er umgerechnet pro 100 Kilometer 11,6 l des teuren Safts abgepumpt. Du trittst meine zart aufkeimende Amore mit Füßen, Kleiner.

Der Corsa begnügt sich mit 9,1 l und belegt so, bezogen auf die Fahrleistungen, einen weit effizienteren Energiehaushalt. Ihm ist auch das Bemühen anzumerken, höhere Komfortansprüche zu befriedigen: Die Federwege sind größer als die des Punto, allerdings etwas unterdämpft. Deswegen schwingt der Corsa auf langen Bodenwellen sanft nach. Die elegantere, straffe Geschmeidigkeit des Punto mögen wir lieber. Lästig ist der ungenaue Geradeauslauf des Opel, der wegen der unpräzise ansprechenden Lenkung nur unzureichend korrigierbar ist.

Fiat Punto GT fahrend von schräg vorne fotografiert.
Foto: Jan-Hardy Sommer

Der Fahrspaß-Sieger heißt Punto GT, der Vernunftspreis geht an Opel

Bei den kleineren Unebenheiten im Stadtverkehr kommt die Komfortnote des Opel besser zum Tragen, auch wenn hier der straffere Punto letztlich den gelungeneren Kompromiss bietet. Das gilt auch für die Agilität, wobei die Lenkung des Punto optimal zwischen Servounterstützung und Straßenkontakt dosiert und das fein ausbalancierte Fahrwerk keine Nickligkeiten gestattet. Allein den ungestüm einsetzenden Turbo-Boost gilt es in engen Kurven zu bändigen, sonst scharren die Antriebsräder des Punto haltlos auf dem Asphalt. Auch der Corsa hat mit Traktionsverlusten zu kämpfen, die allerdings der weicheren Fahrwerksabstimmung anzulasten sind. Er lenkt indirekter ein und taucht tiefer in die Kurve, bleibt aber jederzeit gutmütig und ist fähig, die Bewegungsenergie von 100 km/h auf kurzem Weg – innerhalb von 39,9 m – in Wärme umzuwandeln. Da verzeiht man leichter den langen Pedalweg und das Fehlen eines definierten Druckpunkts.

Highlights setzt wieder der Punto: tadellose Dosierbarkeit, klarer Druckpunkt – und nur 38,6 m bis zum Stillstand. Dass der zierliche Italiener auch mehr Platz bietet als der Opel Corsa, ist ihm kaum anzusehen. Trotzdem: Raumgefühl und Bewegungsfreiheit vor allem in die Breite liegen über Corsa-Niveau, obwohl schon dessen Raumangebot als großzügig gelten muss. Vorteile für den Italiener auch in puncto Variabilität: Sein Kofferraumvolumen übertrifft mit 241 l das des Opel um 27 l, zudem sind die rückwärtigen Sitzgelegenheiten asymmetrisch geteilt umlegbar, im Corsa sind es nur die Lehnen.

Wer ist der reizvollere GTI?

Bei der Verarbeitung hinkt der Punto hinterher: Im Testwagen verschwand auf Knopfdruck gleich der ganze Fensterheber-Elektroschalter, und die Plastikverkleidung am Fahrersitz wurde zusehends flattriger. 29.970 Mark kostet der Fiat Punto GT, 27.800 Mark der Opel Corsa GSi 16V. Beide verfügen serienmäßig über ABS, Flankenschutz, Gurtstraffer, Nebelscheinwerfer, Scheinwerfer-Reinigungsanlage, Servolenkung und Lenkradeinstellung. Aufpreisbereinigt ist der Fiat günstiger, denn Fahrer-Airbag, Alu-Felgen, elektrische Außenspiegel und Fensterheber, Zentralverriegelung sowie Sitzhöheneinstellung hat er zusätzlich von Haus aus an Bord. Der Corsa käme – derart ausstaffiert – auf 30.800 Mark. Zudem ist für den Fiat gegen 470 Mark Aufpreis ein Beifahrer-Airbag lieferbar.

Der Sieg geht somit klar an den Punto GT. Er ist fahraktiver und sportlicher, ohne dass darunter seine praktische Alltagstauglichkeit leidet. Freilich trüben zwei Webfehler 
– ein überhöhter Verbrauch sowie Verarbeitungsmängel – das Bild. Das vernünftigere Auto ist schlussendlich der Corsa, der Fiat dagegen der reizvollere GTI – 
gewissermaßen der „Punto“ auf dem I.

Von Michael Schmidt

Fazit

„Der Punto hätte als glanzvoller Sieger dastehen können: Er ist agiler, geräumiger und besser ausgestattet als der Corsa. Dass er nicht dessen Verarbeitungsniveau erreicht, überrascht niemanden; viele werden ihm das Verzeihen – kaum aber den Verbrauch à la Ferrari. Als „Minus-Drei-Liter-Auto“ wäre der Punto GT einsame Spitze. Bis dahin bleibt der Corsa GSi 16V die erste Wahl.“ – Michael Schmidt!°

Technische Daten von Fiat Punto GT und Opel Corsa GSi 16V

AUTO ZEITUNG 06/1994

Fiat Punto GT

Opel Corsa GSi 16V

Zylinder / Ventile pro Zylin.

4 / 2

4 / 4

Hubraum

1372 cm³

1598 cm³

Leistung

98 kW/133 PS bei 5750 U/min

80 kW/109 PS bei 6000 U/min

Max. Gesamtdrehmoment bei

204 Nm bei 3000 U/min

150 Nm bei 3800 U/min

Getriebe / Antrieb

5-Gang-Getriebe / Vorderrad

5-Gang-Getriebe / Vorderrad

L / B / H

3770 / 1625 / 1460 mm

3729 / 1608 / 1420 mm

Leergewicht

976 kg

975 kg

Bauzeit

1994 – 1997

1993 – 1995

Stückzahl

ca. 3.400.000 (Typ 176 ges.)

ca. 4.000.000 (Corsa B ges.)

Beschleunigung null auf 100 km/h

8,3 s (AZ 6/1994)

9,3 s (AZ 6/1994)

Höchstgeschwindigkeit

205 km/h (AZ 6/1994)

195 km/h (AZ 6/1994)

Verbrauch auf 100 km

11,6 l S (AZ 6/1994)

9,1 l S (AZ 6/1994)

Grundpreis (Jahr)

29.970 Mark (1994)

27.800 Mark (1994)