Colani SuperTruck: Dieser Lkw von 2006 ist radikal – und existiert
2006 gipfelten Luigi Colanis Lkw-Entwürfe wortwörtlich im SuperTruck beziehungsweise InnoTruck. Der überspitzte Entwurf auf Mercedes Actros-Basis entstand gemeinsam mit Siemens und wurde auch dank der TU München ein Denkmal deutscher Ingenieurskunst, das sich sogar mit reiner Gedankenkraft fortbewegen sollte.
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Mit dem SpaceTruck/InnoTruck ließ Colani noch einmal eine richtige Rakete auf den Lkw-Sektor los
Luigi Colanis finaler Lkw-Entwurf ist mittlerweile ein Youngtimer: 2006 versuchte sich der für seine Stromlinienformen wie für seine harschen Interviews berüchtigte Industriedesigner mit 78 Jahren ein allerletztes Mal an der Revolution des Speditions-Sektors, der ihn in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten so oft mit Ignoranz gestraft hatte.
Und dafür war der Berliner mit italienischen Wurzeln sogar bereit, seine bisherige Designsprache mit Spiegelei-förmigen Glaskanzeln und amöbem Unterbau über Bord zu werfen und einen radikal neuen Aufbau auf das Mercedes Actros-Spenderfahrzeug zu zeichnen.
Apropos Spende: In Auftrag gab den sogenannten SpaceTruck Siemens. Anschließend landete der Entwurf bei der TU München, wo er fortan als InnoTruck bezeichnet werden sollte. Doch dazu später mehr.
Assoziationen weckt der weiße Riese so einige: NASA-Raumfähre, Sexspielzeug, Brieföffner. Man könnte sogar meinen, nach dem Ende der Concorde-Ära hätte Colani einfach eine Kanzel des Überschallflugzeugs mit einem Sattelschlepper vermählt.
Gerecht wird man dem SpaceTruck/InnoTruck damit aber natürlich nicht, auch wenn die aerodynamischen Gesichtspunkte durchaus Überschneidungen aufweisen. Und bis auf die Räder ist im Grunde alles am Colani-Lkw in irgendeiner Form abgehoben, inklusive des zäpfchenförmigen Fahrerhauses.
Der Mercedes 560 SEC von Bruno Sacco im Fahrbericht (Video)

Im Colani-Truck stecken 30 Jahre Entwicklung und Visionen, aber auch Ignoranz und Wut
Mit Hinblick auf seine früheren Sattelschlepper-Visionen fällt bei Colanis SpaceTruck die zunehmende Verschmelzung von Auflieger und Führerhaus auf. Versuchte sein erster Entwurf – der Colani Truck 2001 von 1978 – den rechteckigen Anhänger mit seinem progressiven Bio-Design irgendwie am Fahrtwind vorbei zu lenken, hatte es der Spitzer-Silo-Truck 24 Jahre später bauartbedingt schon etwas einfacher. Die Geschichte des Colani Truck 2001 erzählen wir übrigens hier, während wir Letzteren in diesem Artikel behandeln.
In Sachen cW-Wert ergab sich eine radikale Verbesserung von 0,40 (1978) über 0,38 (2002) bis hin zu 0,30 beim SpaceTruck. Zum Vergleich: Die seifigsten Automobilkarosserien wie Mercedes EQS und Lucid Air kommen auf rund 0,20, während handelsübliche Lkw kaum unter 0,50 zu formen sind.
Natürlich hatte solch ein Sensationswert seinen Preis. Denn damit die Luft sauber am Lkw vorbeigeleitet wurde, musste Colani die meterlange Kabinen-Spitze fest an den hinteren Aufbau montieren. Das vordere Fahrwerk war lediglich über eine Drehachse mit der Kabine verbunden und bewegte sich deshalb unabhängig vom restlichen Sattelzug. Dieser Umstand dürfte gerade beim Rangieren für Kopfschmerzen gesorgt haben, denn die Person am Steuer musste beim Lenken stets aus dem Seitenfenster schauen und gleichzeitig darauf achten, dass die Spitze keine Menschen köpft. Ganz zu Schweigen vom fehlenden Lenkrad.
Dieses hatte der Avantgardist Colani inzwischen ebenso für überholt erklärt wie die kubischen Formen des Industriedesigns. Stattdessen gabs je einen Joystick rechts und links in den Armauflagen, während der Bereich vor der Person am Steuer ausschließlich einem Display-Verbund (selbstverständlich nicht rechteckig!) diente. Zum Ein- und Ausstieg fuhr der vordere Teil der Kuppel übrigens nach vorne, wie bei einem Kampfjet.
Eine Lkw-Rakete, die mit Hirnströmen gelenkt wird?
Zur gesetzlich vorgeschriebenen Pause lud die VIP-Lounge dahinter ein, samt kleiner Küche, Sofa, großem Fernseher und Nasszelle. Erst dann folgte der „Showroom“, dessen Klappe sich im geöffneten Zustand hervorragend als Wetterschutz entfalten konnte.
Staunen war aber nicht nur beim Raketendesign und der Flugzeug-Steuerung angesagt, sondern auch auf technischer Seite. Als Technologieträger der TU München rüstete man den fortan auf InnoTruck getauften Lkw mit einem seriellen Hybridantrieb aus. In diesem Verbund diente der Biodiesel-Motor nur als Generator für den Elektromotor, wenn dessen Akkus im Fahrzeugboden nach 100 km die weiße Fahne gehisst hatten. Eine vergleichbare Technik bietet Nissan übrigens im Qashqai E-Power an.

Der Ideenreichtum der technischen Hochschule reichte aber noch viel weiter: Der InnoTruck sollte auch als mobile Stromquelle – zum Beispiel für mehrere Elektroautos gleichzeitig – dienen oder genauso gut Strom von externen Quellen beziehen können. Auch Solarzellen auf dem Dach besaß der Colani-Truck. Über einen Zentralrechner ließen sich sämtliche Funktionen steuern, inklusive der Steer-by-Wire-Lenkung.
Sogar über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle dachte man in München nach. Mit anderen Worten: Über ein Hirnstrommessgerät hätte die Person am Steuer den InnoTruck alleine mit der Kraft ihrer Gedanken fortbewegen können. Eine Lkw-Rakete, die mit Hirnströmen gelenkt wird? Klingt spannend, aber zugegebenermaßen auch etwas gruselig.
Offenbar schaffte es Colanis finaler Truck dann aber doch nicht in den nächsten Saw-Streifen, denn die Spuren der zwei gefertigten Modelle verloren sich anschließend. Erst 2020 tauchte ein Exemplar wieder auf, das Edel-Lkw-Schmiede Marchi Mobile in Dortmund zum Verkauf anbot. Der geheime Wunsch-Erlös wurde offenbar nicht erreicht, weshalb die Firma den Colani nun in Eigenregie restauriert.




















