Vorstellung

Aston Martin Bulldog: (K)ein harter Hund für 380 km/h

Auf den Hund gekommen: In den Wirtschafswirren der 70er entwickelte Aston Martin mit dem Bulldog einen Supersportler auf Überschallniveau. Auch mehr als 40 Jahre später ist der Keil noch für 300 km/h und den finanziellen Ruin von Firmen gut.

(1/7)
Der Aston Martin Bulldog stehend von schräg vorne.
So wie der Lagonda den Markt der Luxuslimousinen auf den Kopf stellte, sollte der Bulldog das Nonplusultra in Sachen Supersportwagen werden. Foto: Classic Motor Cars/Dick Barnatt
Der Aston Martin Bulldog stehend von schräg hinten.
Bis zum ersten Serienauto mit Mittelmotor sollte es noch lange Zeit dauern. Erst mit dem 2021 eingeführten Valkyrie gelang es Aston Martin, das Erbe des Bulldog fortzuführen. Foto: Classic Motor Cars/Dick Barnatt
Der Aston Martin Bulldog stehend von vorne.
Mit seinen Flügeltüren und vor allem der absenkbaren Scheinwerfer-Klappe waren dem Keil die Cover von Autozeitschriften sicher. Foto: Classic Motor Cars/Dick Barnatt
Der Aston Martin Bulldog stehend seitlich.
Zu den Besonderheiten der Silhouette gehören der vordere Überhang sowie die länglichen Fensterflächen. Foto: Classic Motor Cars/Dick Barnatt
Das Cockpit des Aston Martin Bulldog.
Die digitalen Instrumente übernahm der Bulldog vom Lagonda, allerdings in stilistisch etwas abgemilderter Form. Foto: Classic Motor Cars/Dick Barnatt
Der Innenraum des Aston Martin Bulldog.
Wenn die Türen öffnen, bleibt von den Schwellern so gut wie nichts mehr übrig. Man beachte den doppelten Angstgriff auf dem beifahrerseitigen Armaturenbrett. Foto: Classic Motor Cars/Dick Barnatt
Der Motor des Aston Martin Bulldog.
Mit zwei Turboladern bestückt, leistete der bewährte 5,3-l-V8 von Aston rund 650 PS (478 kW). Foto: Classic Motor Cars/Dick Barnatt

Mit dem Bulldog wollte Aston Martin in die Waden von Ferrari und Co. beißen

Ende der 1970er-Jahre ging es Aston Martin hundeelend. Bezeichnend: Die letzte automobile Hauptrolle in einem „James Bond“-Streifen 1969 war vier Filme her. Seitdem entging das Unternehmen mehrmals haarscharf dem Ruin und wechselte häufiger den Besitzer als ein Wanderpokal. Erst der im Nahen Osten beliebte Lagonda gab Aston ein Fünkchen Hoffnung. Oder um es in James-Bond-Cineastik zu sagen: Ein Quantum Trost.

Nachdem Stilist William Towns die radikal flache Luxuslimousine komplettiert hatte, durfte er sich an einem Supersportwagen versuchen, der das Image der Marke beschleunigen sollte. Dafür spitzte er die Lagonda-Keilform noch weiter zu und entwarf eine Silhouette, die aussah wie aus Papier zusammengefaltet. Die ungebrochenen horizontalen Linien betonten deren Länge ebenso wie der vordere XXL-Überhang sowie das nicht enden wollende Greenhouse.

Zu seinen stilbildenden Partytricks gehörten die Flügeltüren, die natürlich bei jeder Fotogelegenheit effektheischend und elektrisch nach oben klappten und gleich noch den ganzen Schweller mit gen Himmel nahmen. Noch verwegener gestaltete sich aber die Lösung, die gesamte Beleuchtungsbatterie unter einer absenkbaren Klappe zu verstauen. Dass das typische Aston-Markengesicht dadurch nur mit viel Fantasie im schwarz lackierten Stoßfänger zu erkennen war – geschenkt.

Wie es der Name Bulldog schon andeutete, war er ein Vorbote einer neuen Ära. Eine Ära, in der man sich nicht um Konventionen scherte. Statt den Wodka-Martini zu rühren oder zu schütteln, kippte man ihn gleich Enzo Ferrari, Ferrucio Lamborghini oder Colin Chapman ins Gesicht. In Newport Pagnell wollten sie tatsächlich den schnellsten Supersportler der Welt bauen – und ihn mit 380 km/h Topspeed auch eine ganze Weile lang behalten.

Der Mercedes 560 SEC von Bruno Sacco im Fahrbericht (Video)

Video Platzhalter
Video: AUTO ZEITUNG

Erst 40 Jahre später knackte der Bulldog die 200-mph-Marke

Zur Erinnerung: Bislang war die Marke renommiert für die Fertigung schneller Gentleman-GT. Mittelmotorsportler aber forderten eine gänzlich andere Philosophie, die nur in der hintersten Ecke des Werkes, dem „Hundezwinger“ von Entwicklungsleiter Keith Martin gelebt wurde. Daher auch der Name Bulldog.

Ein Zentralrohrrahmen-Chassis nahm dort im Schatten Gestalt an, ummantelt von einer Karosserie aus Alu-Blechen. Für den Motor fiel die Wahl auf den hauseigenen 5,3-l-V8, den Aston mittels zweier Turbolader aber gehörig unter Druck setzte. Rund 650 PS (478 kW) boosteten das Triebwerk auf ein Niveau, das die automobile Weltelite erst gut zehn Jahre später erreichen sollte.

Der Aston Martin Bulldog stehend seitlich
Foto: Classic Motor Cars/Dick Barnatt

Dementsprechend groß waren die Hoffnungen, als Aston Martin seinen Bulldog erstmals auf die Teststrecke im britischen Warwickshire losließ. Mit 192 mph, also 309 km/h Spitze, blieb der Keil deutlich hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück. Konkurrenzfähige Werte, keine Frage. Aber um die Sportwagenwelt auf den Kopf zu stellen, brauchte es schon etwas mehr. Im Falle von Aston vor allem mehr Geld und Kapazitäten, um die Entwicklung weiter voranzutreiben.

Inzwischen hatte es erneut einen Wechsel an der Firmenspitze gegeben und dem neuen Boss Victor Gauntlett war der teure Bulldog ein Keil im Auge. Anstatt also dem ursprünglich angedachten Weg einer Kleinserie zu folgen, strich er das Projekt und veräußerte den Prototypen an einen saudischen Prinzen.

Typisch Aston Martin, wechselte der Supersportler in den nächsten vier Jahrzehnten bis 2020 regelmäßig den Besitzer. Dann weckte der britische Restaurierungsbetrieb Classic Motor Cars den schlafenden Hund und versetzte ihn aufwendig in einen authentischen Zustand zurück – inklusive des aus dem Lagonda bekannten, digitalen Cockpits. Ironie des Schicksals: Projektverantwortlicher war kein Geringerer als der Sohn des einstigen Aston-Lenkers, Richard Gauntlett.

Seinem Team gelang es sogar, den Bulldog medienwirksam auf 322 km/h zu beschleunigen und damit erstmals die 200-mph-Mauer zu durchbrechen. Ende gut, alles gut? Nicht ganz. Wenig später musste der Betrieb Konkurs anmelden. Gauntlett übernahm sich offenbar genau dort, wo sein alter Herr damals noch gerade rechtzeitig den Stecker gezogen hatte.