Fahrbericht

VW Artz-Golf: Fahrt im Supersize me-Golf mit Porsche-Herz

Dieser VW Golf in Übergröße ist in der Tiefe seines Ölsumpfs ein verkleideter Porsche 928. Er wurde nur zwei Mal gebaut, einst bejubelt, inzwischen fast vergessen. Classic Cars ist den wahnsinnigen Artz-Golf gefahren!

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VW Golf 928 (Artz-Golf), fahrend fotografiert von schräg vorne.
Dieser überdimensionierte Golf 1 kommt von Artz und hat eine bewegte Geschichte: Als Günter Artz 1979 ein verunfallter Porsche 928 in die Hände fiel, ließ er diesen zerlegen und mit Karosserieteilen eines Golfs neu aufbauen. Foto: Wim Woeber
VW Golf 928 (Artz-Golf), fahrend fotografiert von vorne.
Dafür musste das Blech um 21 cm verbreitert und 30 cm verlängert werden. Das Auto schaffte es im Nu (und durch gute Kontakte) auf die Titelseiten der Fachpresse im In- und Ausland. 1980 ließ Artz ... Foto: Wim Woeber
VW Golf 928 (Artz-Golf), fahrend fotografiert von schräg hinten.
... ein zweites Exemplar anfertigen, auf Wunsch seines Freundes Louis Krages alias John Winter. Rennsportfans ist der Mann mit dem Pseudonym ein Begriff, weil er 1985 mit Klaus Ludwig und ... Foto: Wim Woeber
VW Golf 928 (Artz-Golf), fahrend fotografiert von der Seite.
... Paolo Barilla im Joest-Porsche 956 in Le Mans gewann. In all den Jahren habe das Auto des Öfteren die Farbe und Details seines Erscheinungsbildes gewechselt. Ursprünglich im typischen Grünmetallic des Golf GTI lackiert, war er auch mal grau, bis er schließlich das heutige Schwarz ... Foto: Wim Woeber
Motor des VW Golf 928 (Artz-Golf), fotografiert von oben.
... bekam. Wenn sich der Porsche-Achtzylinder mit leicht erhöhter Kaltlaufdrehzahl meldet, meint man, der Boden bebe. Grund für dieses wunderbare Gewitter ist nicht nur, dass zwischenzeitlich der größere Motor des Porsche 928 S eingebaut wurde. Der Abgasstrang kommt ohne Kat und ohne Endtopf aus. Ein ... Foto: Wim Woeber
Vordersitze des VW Golf 928 (Artz-Golf), fotografiert von der Seite.
... sensationeller Sound. Ein echtes Highlight ist das Interieur. Sitze und Türverkleidungen sind in feinem schwarzen Leder gehalten. Das war wohl auch bei der Auslieferung an Louis Krages so. Aber irgendwann ... Foto: Wim Woeber
Lenkrad des VW Golf 928 (Artz-Golf), fotografiert von schräg hinten.
... wurde die Innenausstattung komplett erneuert. Auch heute noch fühlt man sich auf komfortabelste Weise geborgen in den handschuhweichen Sesseln, während man auf die etwas klobig wirkende Armaturentafel ... Foto: Wim Woeber
VW Golf 928 (Artz-Golf), fahrend fotografiert von schräg vorne.
... blickt. Heute gehört er Arno Albert aus Framersheim (Rheinhessen). Er hat den Wagen seit vielen Jahren in seinem Besitz. Er kennt ... Foto: Wim Woeber
Rad des VW Golf 928 (Artz-Golf), fotografiert von der Seite.
... die bewegte Vita des Fahrzeugs genau und gibt Interessierten auf Wunsch bereitwillig Auskunft: "Ich bin offiziell der ... Foto: Wim Woeber
Auspuffendrohre des VW Golf 928 (Artz-Golf), fotografiert von schräg oben.
... fünfte Besitzer des Golf. Nach Louis Krages gehörte der Wagen einem Antiquitätenhändler aus Hanau und zwischenzeitlich jeweils wieder Günter Artz, der vertraglich ein ... Foto: Wim Woeber
VW Golf 928 (Artz-Golf), fahrend fotografiert von schräg vorne.
... Vorkaufsrecht besitzt. Ich habe ihn für 30.000 Mark in einem furchtbaren Zustand übernommen, nicht fahrfertig, mit Motorschaden und Blessuren rundum. Dabei wollte der Vorbesitzer ursprünglich sogar 100.000 Mark ... Foto: Wim Woeber
VW Golf 928 (Artz-Golf), fahrend fotografiert von schräg hinten.
... haben." Etwas merkwürdig mutet die im Vergleich zum Serien-928 erhöhte Einbauposition der Sitze an. Artz ließ diese auf einer Konsole montieren, sonst ... Foto: Wim Woeber
Rücksitze des VW Golf 928 (Artz-Golf), fotografiert von vorne.
... hätte die Person am Steuer in der Golf-Karosserie zu tief gesessen. Manches Anbauteil stammt zwar aus dem VW-Regal, aber nach einigen Jahrzehnten bedarf es einiger Detektivarbeit, um ... Foto: Wim Woeber
Cockpit des VW Golf 928 (Artz-Golf), fotografiert von der Seite.
... herauszufinden, aus welchem. Die Zierleisten vorne etwa wurden auch am Passat verwandt – beim Golf 928 aber ... Foto: Wim Woeber
Lenkrad des VW Golf 928 (Artz-Golf), fotografiert von hinten.
... spiegelverkehrt. Und was ist jetzt mit der eingangs gestellten Frage nach der Identität des Artz-Golf 928? Am Ende des Tages kann es keinen Zweifel geben: Dieses Auto ... Foto: Wim Woeber
VW Golf 928 (Artz-Golf), fahrend fotografiert von schräg vorne.
... sieht zwar aus wie ein extrem breiter, böser Golf. Aber vom Wesen her ist es doch ein Porsche 928. Foto: Wim Woeber

Oldtimer-Fans sind in der Regel hochgradig markentreu. Das hängt mit der automobilen Sozialisierung zusammen: Die Begeisterung des Vaters für sein Auto zum Beispiel, oder die Sprüche über die Marke des Nachbarn, so etwas brennt sich in Kindertagen ein. Das Fahrzeug, mit dem wir aufwachsen, wird dann im Erwachsenenalter zum Objekt der Begierde. Dazu mischen sich feuereifrige Kommentare aus der jeweiligen Szene, Tenor: Nur diese eine Marke macht glücklich. Oder fährt am besten, am längsten. Kurzum: Irgendwann identifiziert man sich mit dem Auto.

Was aber, wenn man gar nicht so genau bestimmen kann, in was für einem Auto man gerade sitzt? Wenn man nicht recht weiß, welcher Marke, welcher Szene man sich zugehörig fühlen soll? Der sogenannte Artz-Golf ist so ein Fall. Irgendwie fragt man sich, wofür man ihn halten soll. Auf den ersten Blick handelt es sich ganz klar um einen Golf der ersten Baureihe. Nur ist dieser offensichtlich viel breiter. Auch interessant: Unsere Produkttipps auf Amazon

Ratgeber im Video: So organisiert man eine Oldtimer-Rallye

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Video: AUTO ZEITUNG

VW Artz-Golf in Wahrheit ein verkleideter Porsche 928

Dann ein Blick ins Innere des Artz-Golf und unter die Motorhaube: Hier sieht alles ganz klar nach Porsche aus, Modell 928. Der Blick in die Fahrzeugpapiere bringt auch nur bedingt Klarheit. "Porsche 928 mit Anbauteilen VW Typ 17", steht da. Also fahren wir jetzt Golf oder Porsche oder was genau? Machen wir damit auf dem VW-Treffen auf dicke Hose oder beim Porsche-Treffen (hier alle Oldtimer-Treffen der Saison auf einen Blick) auf provokant? Fachwissende haben natürlich eine Erklärung parat. Sie haben die verrückte Geschichte um die Entstehung dieses Autos verinnerlicht.

Die Geschichte um den Autohaus-Chef Günter Artz, der in den Siebzigern und Achtzigern immer wieder mit extremen Umbauten braver Serienautos von sich reden machte. Vom Käfer mit 911 Carrera-Motor bis zum Opel Kadett mit Corvette-Genen, kein Projekt konnte ihm schrill genug sein. Dahinter steckte wohl stets eine Mischung aus Marketingstrategie – seine Aktionen bescherten dem Autohaus Nordstadt in Hannover landesweite Publicity – und Spaß an der Freud für den Zampano selbst.

Verunfallter Porsche als Basis

So war das auch bei seinem VW Golf. Als Artz ein verunfallter Porsche 928 in die Hände fiel, ließ er diesen bis auf die Bodengruppe zerlegen und mit Karosserieteilen eines Golf I neu aufbauen. Dafür musste das Blech um 21 cm verbreitert und 30 cm verlängert werden. Das Auto schaffte es im Nu (und durch gute Kontakte) auf die Titelseiten der Fachpresse im In- und Ausland. 1980 ließ Artz ein zweites Exemplar anfertigen, auf Wunsch seines Freundes Louis Krages alias John Winter. Rennsportfans ist der Mann mit dem Pseudonym ein Begriff, weil er 1985 mit Klaus Ludwig und Paolo Barilla im Joest-Porsche 956 in Le Mans gewann.

VW Golf 928 (Artz-Golf)
Foto: Wim Woeber

Diesen Golf 928 von Erstbesitzer Krages konnte Classic Cars aufspüren und fahren. Heute gehört er Arno Albert aus Framersheim (Rheinhessen). Er hat den Wagen seit einigen Jahren in seinem Besitz. Er kennt die bewegte Vita des Fahrzeugs genau und gibt Interessierten auf Wunsch bereitwillig Auskunft: „Ich bin offiziell der fünfte Besitzer des Golf. Nach Louis Krages gehörte der Wagen einem Antiquitätenhändler aus Hanau und zwischenzeitlich jeweils wieder Günter Artz, der vertraglich ein Vorkaufsrecht besitzt. Ich habe ihn für 30.000 Mark in einem furchtbaren Zustand übernommen, nicht fahrfertig, mit Motorschaden und Blessuren rundum. Dabei wollte der Vorbesitzer ursprünglich sogar 100.000 Mark haben.“

Der Artz-Golf wechselte mehrfach die Erscheinung

In all den Jahren habe der Artz-Golf des Öfteren die Farbe und Details seines Erscheinungsbildes gewechselt, erzählt Arno Albert. Ursprünglich im typischen Grünmetallic des Golf GTI lackiert, war er auch mal grau, bis er schließlich das heutige Schwarz bekam. Auch die Räder sind nicht mehr die ersten, jene charakteristischen Alufelgen im Telefonwählscheiben-Design. Stattdessen steht der Artz heute auf geschraubten 16-Zoll-BBS-Felgen. Die schwarzen Kunststoff-Außenspiegel hat Arno Albert gegen verchromte Exemplare getauscht, damit sie zu den Stoßstangen passen. „Ich wollte ein einheitliches Bild haben mit Schwarz und Chrom“, erklärt er.

Das Schiebedach schließlich flog ersatzlos raus, weil es bei hoher Geschwindigkeit herunterfiel. Die Optik ist nun stimmig. Andererseits könnte man auch den Eindruck gewinnen, dass dem heutigen Besitzer die Originalität des Artz-Golf nicht viel bedeutet. Doch ganz so ist es nicht. Nach einem Schaden am Kotflügel vorne rechts beispielsweise ließ er selbigen mit großem Aufwand retten, statt einen neuen einzubauen. Stilistische Veränderungen am Äußeren lassen sich im Übrigen auch rechtfertigen, denn schon Artz selbst nahm solche immer wieder vor, um die Illusion zu nähren, dass es neue Golf 928 gab – was de facto nicht der Fall war.

Schwierige Ersatzteil-Lage

Den Artz-Golf am Laufen zu halten, ist eigentlich kein Problem, die Porsche-Technik ist äußerst robust. Die Sonderlösungen bereiten zuweilen Schwierigkeiten. Die Scheiben vorne und hinten zum Beispiel waren Spezialanfertigungen. Als Ersatz hermusste, kam Albert nicht umhin, die Scheiben in Großbritannien exklusiv herstellen zu lassen. Manches Anbauteil stammt zwar aus dem VW-Regal, aber nach mehreren Jahrzehnten bedarf es einiger Detektivarbeit, um herauszufinden, aus welchem. Die Zierleisten vorne etwa wurden auch am Passat verwandt – beim Golf 928 aber spiegelverkehrt.

VW Golf 928 (Artz-Golf)
Foto: Wim Woeber

Ein echtes Highlight ist das Interieur. Sitze und Türverkleidungen sind in feinem schwarzen Leder gehalten. Das war wohl auch bei der Auslieferung an Louis Krages so. Aber irgendwann wurde die Innenausstattung komplett erneuert – und zwar bei Uwe Gemballa, gegen eine Rechnung von 50.000 Mark. Das Team des 2010 ermordeten Porsche-Veredlers leistete exzellente Arbeit. Zwar hat sich eine unübersehbare Patina auf die Oberflächen gelegt, aber auch heute noch fühlt man sich auf komfortabelste Weise geborgen in den handschuhweichen Sesseln, während man auf die etwas klobig wirkende Armaturentafel blickt.

Wilder Sound ohne Kat und Endtopf

Etwas merkwürdig mutet die im Vergleich zum Serien-928 erhöhte Einbauposition der Sitze an. Artz ließ diese auf einer Konsole montieren, sonst hätte man in der Golf-Karosserie zu tief gesessen. Als Arno Albert den Zündschlüssel dreht und der Porsche-Achtzylinder sich mit leicht erhöhter Kaltlaufdrehzahl meldet, meint man, der Boden bebe. Grund für dieses wunderbare Gewitter ist nicht nur, dass zwischenzeitlich der größere Motor des Porsche 928 S eingebaut wurde. Der Abgasstrang kommt ohne Kat und ohne Endtopf aus. Ein sensationeller Sound. Wild sprotzelnd wird die kostbare Artz-Spezialanfertigung aus der Garage manövriert.

Dann machen wir uns auf den Weg zu einer ausgiebigen Demonstrationsfahrt durch die mohnblühenden Felder der Region. "Nicht nur die Motorisierung erhielt auf Wunsch von Louis Krages ein Upgrade", erzählt Arno Albert, "auch Getriebe und Bremsen wurden von der Basis-Version auf 928 S-Spezifikation angehoben." Dann tritt er das Gaspedal bis aufs Blech durch und der Artz-Golf saugt sich mit brutaler Macht nach vorn. Das bereitet einen Riesenspaß und verleiht uns ein Gefühl von Überlegenheit, wie es selbst die ersten Golf GTI-Pilot:innen in den Siebzigern sich nie hätten träumen lassen, als sie mit ihren überraschend schnellen Kompaktwagen auf der Autobahn schwere Limousinen abhängten.

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Die sportliche Gangart passt irgendwie auch viel besser zum Golf-Design als zum elegant-rundlichen 928. Dieses Auto sieht weder aus noch fährt es sich wie ein Gran Turismo, zumindest von außen: Passend zum Gebrüll aus dem Auspuff und zum bösen Blick aus der bedrohlich breiten Frontmaske giert der Artz-Golf nach Beschleunigung, aber auch nach Kurven. Die aktuell montierten Reifen sind allerdings nicht mehr die besten – und so setzt das Gummi dem rasch übersteuernden Heck klare Grenzen. Und was ist jetzt mit der eingangs gestellten Frage nach der Identität des Artz-Golf 928? Am Ende des Tages kann es keinen Zweifel geben: Dieses Auto sieht zwar aus wie ein extrem breiter, böser Golf. Aber vom Wesen her ist es doch ein Porsche 928. Fun fact am Rande: Ein völlig serienmäßiger VW Golf 8 ist mit 1,79 m Breite nur drei Zentimeter schmaler als der damals extrem verbreiterte Artz-Golf.

Technische Daten des Artz Golfs

 

Artz-Golf 928

Motor

V8

Hubraum

4664 cm³

Leistung

220 kW/300 PS

Max. Gesamtdrehmoment

385 Nm

Getriebe/Antrieb

5-Gang-Schaltgetriebe/Hinterrad

L/B/H

4120/1820/1420 mm

Leergewicht

1520 kg

Bauzeit

1979-1980

Stückzahl

2

Beschleunigung null auf 100 km/h

7,6 s

Höchstgeschwindigkeit

232 km/h

Verbrauch auf 100 km

k.A.

Grundpreis

120.000-150.000 Mark