Vorstellung

Alfa Romeo 164 ProCar: Formel-1-Renner im Limousinen-Kleid

Als der Wettbewerb in der Formel 1 hinkte, wollte Bernie Ecclestone neue Hersteller in die Königsklasse holen. Als Lockvogel für eine verrückte Rennserie mit F1-Technik im Serienkleid diente das Alfa Romeo 164 ProCar.

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Das Alfa Romeo 164 ProCar stehend seitlich auseinandergebaut.
Biscione verwendete 1988 die Brabham-Ressourcen, um einen Boliden auf die Räder zu stellen, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte. Foto: Alfa Romeo
Das Alfa Romeo 164 ProCar fahrend von vorne.
Äußerlich unterschied sich das Alfa Romeo 164 ProCar auf den ersten Blick nur durch den Heckspoiler sowie die tief in den Radhäusern versteckten Slick-Reifen von seinem Serien-Pendant. Foto: Alfa Romeo
Das Alfa Romeo 164 ProCar stehend von schräg hinten.
Löste man die Schnellverschlüsse der Karosserie, offenbarte sich dann die volle Breitseite des F1-Techniktransfers: Ein Gerüst aus Kohlefaser, Kevlar, ... Foto: Alfa Romeo
Das Alfa Romeo 164 ProCar stehend von schräg vorne.
... Aluminium und Aramid hielt feinste Motorsport-Komponenten beisammen, allen voran den V10-Mittelmotor. Foto: Alfa Romeo
Das Cockpit des Alfa Romeo 164 ProCar.
Es sollte der erste und letzte Auftritt des Alfa 164 ProCar werden. Trotz Ecclestones Bemühungen wollte sich kein anderer Hersteller in die ProCar-Serie einschreiben. Foto: Alfa Romeo
Der Motor des Alfa Romeo 164 ProCar.
Das frei saugende 3,5-l-Aggregat hatte Alfa ursprünglich für das Formel-1-Team von Ligier entwickelt. Foto: Alfa Romeo

Das Alfa Romeo 164 ProCar war das Ergebnis eines dubiosen Ecclestone-Deals

Die Formel 1-Saison 1988 ging als die einseitigste aller Zeiten in die Geschichtsbücher ein: Das McLaren-Team gewann mit Alain Prost und Ayrton Senna 15 der 16 Rennen und auch in Monza (Italien) hätte Senna gesiegt, wenn er nicht zwei Runden vor Schluss mit einem Überrundeten kollidiert wäre. So erfolgreich das Jahr für McLaren war, so sehr schadete die Dominanz der Königsklasse: Abgesehen von McLaren-Honda, Ferrari, Lotus und mit Abstrichen noch Ligier mangelte es an großen Automarken, die Geld, Prestige und Wettbewerb in die Formel 1 bringen wollten.

Der Mann fürs vorhandene Geld und Prestige war kein Geringerer als Bernie Ecclestone. Der britische Motorsport-Mogul hatte sich schon damals mit seinen dubiosen Deals einen Namen gemacht und einen davon hatte er gerade erst eingefädelt. Im Herbst 1987 saß das Formel-1-Oberhaupt in der Klemme, weil sein Brabham-Team nach dem BMW-Ausstieg keinen konkurrenzfähigen Motor mehr hatte. Also verkaufte Ecclestone den ehemaligen Weltmeister-Rennstall an Alfa Romeo.

Schmackhaft gestaltete er das Geschäft mit der Fiat-Tochter durch die Aussicht auf die sogenannte ProCar-Serie. Als Boss der F1-Konstrukteursvereinigung FOCA und der Vermarktungsfirma für F1-TV-Rechte saß er an den richtigen Hebeln, um eine Rennserie aus dem Boden zu stampfen, die seriennah verkleidete Rennwagen mit Königsklassen-Antrieb gegeneinander antreten lässt. Diese sollte dann im Rahmen von F1-Wochenenden stattfinden – so wie einst die gleichnamige Rennserie mit BMW M1-Fahrzeugen von 1979 bis 1980.

Alfa Romeo biss an: Immerhin hatte die Marke mit der Oberklasselimo 164 gerade erst einen todernst gemeinten Angriff auf BMW 5er und Mercedes E-Klasse lanciert. Also verwendete der Biscione 1988 die Brabham-Ressourcen, um einen Boliden auf die Räder zu stellen, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte.

Der Alfa Romeo Junior im Fahrbericht (Video)

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Video: AUTOZEITUNG

Alfas wildester Rennwagen durfte kein einziges Rennen fahren

Beziehungsweise fast jeden Tag sah, denn äußerlich unterschied sich das Alfa Romeo 164 ProCar auf den ersten Blick nur durch den Heckspoiler sowie die tief in den Radhäusern versteckten Slick-Reifen von seinem Serien-Pendant. Löste man die Schnellverschlüsse der Karosserie, offenbarte sich dann die volle Breitseite des F1-Techniktransfers: Ein Gerüst aus Kohlefaser, Kevlar, Aluminium und Aramid hielt feinste Motorsport-Komponenten beisammen, allen voran den V10-Mittelmotor.

Das frei saugende 3,5-l-Aggregat hatte Alfa ursprünglich für das Formel-1-Team von Ligier entwickelt, doch dann übernahm Fiat 1986 das Steuer und sagte aufgrund des Interessenskonfliktes „No“. Also wanderte das jungfräuliche Triebwerk in den 164, wo es 620 PS (456 kW) bei kreischenden 13.300 Touren erreichte. Bei 9500 Umdrehungen lag das maximale Drehmoment von 380 Nm an.

Die Ehre, die Kombination aus schierer Leistung, 750 kg Gewicht und einer leichten Spur von Abtrieb über die Rennstrecke jagen zu dürfen, gewährte man dem ehemaligen Brabham-Piloten Riccardo Patrese. Im Rahmen des Großen Preises von Italien in Monza raste der Italiener publikumswirksam in nur gut zwei Sekunden auf 100 und erreichte Geschwindigkeiten von bis zu 340 km/h.

Es sollte der erste und letzte Auftritt des Alfa 164 ProCar werden. Trotz Ecclestones Bemühungen wollte sich kein anderer Hersteller in die ProCar-Serie einschreiben. Alfa verlor das Interesse und verkaufte Brabham bereits Ende desselben Jahres an eine Schweizer Investorengruppe. Damit konnte das Team sein Comeback in der Königsklasse feiern, wenn auch nur kurz: Bereits 1992 gingen in Milton Keynes für immer die Lichter aus. Auch dem V10 des 164ers war kein glückliches Schicksal bescheiden. Anfängliche Pläne, ihn zum Herz eines neuen Sportwagens für die Gruppe C zu machen, scheiterte an der Direktive des Fiat-Konzerns. Das ProCar befindet sich heute im Werksmuseum in Arese (Italien).